Radiohören für den Frieden

  • Kapstadt/Lausanne - 08.02.2013

In Den Haag eröffnet der Internationale Strafgerichtshof Klage gegen mordende Rebellen im Kongo – doch in der kongolesischen Savanne werden die Opfer vielleicht nie erfahren, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Szenarien wie dieses will die „Fondation Hirondelle“ verhindern. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Lausanne hat sich darauf spezialisiert, Radiostationen in Kriegs- und Krisenregionen aufzuziehen. „Wir machen Radio für Frieden und Entwicklung. Und der Erfolg gibt uns Recht“, sagt Yves Laplume von „Fondation Hirondelle“ zum Welttag des Radios am Mittwoch, den 13. Februar.

Als einziges journalistisches Medium berichtete die 1995 gegründete Agentur, die sowohl Journalisten als auch humanitäres Personal beschäftigt, täglich vom Völkermordprozess am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda. Aus diesem ersten Projekt sind bis heute neun weitere Radiostationen erwachsen, darunter das UN-gestützte „Radio Okapi“ im Kongo. In der Demokratischen Republik Kongo, dem Südsudan oder Sierra Leone sind die Stationen nicht nur die meistgehörten, sondern auch die einzigen, deren Signal bis in die abgeschiedenen Steppen und Regenwälder vordringt.

Unabhängige Berichterstattung ist bedeutender Entwicklungsfaktor

In den wenigsten Einsatzgebieten der Organisation wird Pressefreiheit großgeschrieben. Eine unabhängige Berichterstattung sei daher ein bedeutender Entwicklungsfaktor, so Laplume. 2011 war „Radio Okapi“ im Kongo eines der wenigen Radios, die objektiv über den Wahlkampf berichteten, ebenso wie „Radio Ndeke Luka“ in der Zentralafrikanischen Republik oder „Cotton Tree News“ in Sierra Leone. Zudem verfolgen die Sender die verschiedenen Kriegsverbrecherprozesse, deren Angeklagte aus Afrika stammen.

„Glaubwürdige, unabhängige Medien sind für eine erfolgreiche Entwicklungshilfe unverzichtbar.“

— Yves Laplume, „Fondation Hirondelle“

Manchen Regimen sind die Radiostationen ein Dorn im Auge. „Erst vor kurzem stellte man uns ‚Radio Okapi‘ für vier Tage einfach ab, angeblich aus administrativen Gründen“, so Laplume. Im Sudan entzog Präsident Omar Al-Baschir „Radio Miraya“ kurzerhand die Lizenz. Erst 2011 konnte der Sender im unabhängig gewordenen Südsudan wieder auf Sendung gehen.

Vielfältiges Programm

Volksnähe, berichtet Laplume, sei nach vielen Jahren Bürgerkriegs am wichtigsten. „Star Radio“ etwa berichte im westafrikanischen Liberia in 14 Stammessprachen. Auch inhaltlich ist der Sender breit aufgestellt. Neben Interviews mit Vergewaltigungsopfern versucht eine andere Sendung, Familien wieder zusammenzuführen, die während des 14 Jahre dauernden Krieges getrennt wurden. Über das Internet hört seit neuestem auch die Diaspora in Europa und den USA mit.

„Fondation Hirondelle“ macht sich Afrikas Radiogesellschaft zunutze: Transmitter seien auf dem gesamten Kontinent weit verbreitet. „Sie sind leicht und günstig zu bekommen und einfach im Gebrauch“, sagt UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova. Selbst an Orten, an denen es keinen Strom gibt, könnten die Minisender Nachrichten übermitteln.

In Ghana besitzen etwa 70 Prozent der Landbevölkerung ein Radio. Über einen Fernseher verfügen nur rund acht Prozent; etwa ein Prozent hat Zugang zum Internet. Einen Festnetzanschluss hat so gut wie niemand. Im Senegal liegt die Verbreitung von Radios bei 91 Prozent, in Tansania bei 93 Prozent. Gab es vor 20 Jahren 10 unabhängige Sender in ganz Afrika, sind es heute allein in Mali 300, im Kongo 250.

Erfolg durch hohe Reichweite

Die Universität Witwatersrand in Johannesburg erklärt sich den Erfolg des Radios dadurch, dass es die gesamte Gesellschaft erreicht: Analphabeten, Behinderte, Frauen, die Jugend und Menschen in Armut. Auch mit Blick auf die Entwicklungszusammenarbeit misst Laplume den Radiostationen große Bedeutung bei. „Glaubwürdige, unabhängige Medien sind für eine erfolgreiche Entwicklungshilfe unverzichtbar“, sagt er.

Starthilfe erhalten die Sender durch „Fondation Hirondelle“; dauerhaft sollen sie sich aber aus Werbeeinnahmen selbst finanzieren. Zu „Radio Miraya“ in der Zentralafrikanischen Republik gehört neben einer Marketingagentur auch eine Journalistenschule, an der Nachwuchs ausgebildet wird. Der Erfolg gibt diesem Ansatz Recht: Schon jetzt moderieren ausschließlich Einheimische.

Von Markus Schönherr

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