Sorge um Ägypten

  • Berlin/Kairo - 29.01.2013

Vor dem Besuch des ägyptischen Staatspräsidenten Mohammed Mursi setzt sich der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, für eine Begnadigung der zum Tode verurteilten Fußballfans ein. „Ich fordere die zuständigen Stellen auf, die Todesurteile gegen die 21 Verurteilten in Gefängnisstrafen umzuwandeln und keine weiteren Todesurteile zu verhängen“, sagte Löning am Montag Spiegel online. „Falls die Gerichte dies nicht tun, wäre es Aufgabe von Präsident Mursi, sein Gnadenrecht zu nutzen und die Todesurteile in Haft umzuwandeln.“

Weiter erklärte der FDP-Politiker: „Ägypten braucht eine Deeskalation der Gewalt und einen ernsthaften politischen Dialog. Dazu müssen alle Seiten beitragen. Eine Umwandlung der Todesurteile wäre ein Beitrag dazu.“ Ägypten sollte seinen politischen Neuanfang nicht mit solch einer großen Zahl von Todesurteilen belasten, sagte Löning. „Die Urteile widersprechen allen Ideen von der Würde des Einzelnen, für die so viele Ägypter auf die Straße gegangen sind.“

Mursi verhängt Ausnahmezustand

In Ägypten wurden unlängst 21 Anhänger des Fußballklubs al-Masry wegen Beteiligung an Ausschreitungen im Fußballstadion von Port Said zum Tode verurteilt. Die Urteile hatten zu Krawallen im Land geführt, bei denen mehrere Menschen starben. Als Reaktion hatte Mursi über die drei Städte Port Said, Suez und Ismailia den Ausnahmezustand verhängt. Das Kabinett verabschiedete am Montag zudem einen Gesetzentwurf, der dem Militär Polizeiaufgaben zuweist. Der Präsident soll demnach Armeekräfte einsetzen können, um die Sicherheit und staatliche Einrichtungen zu schützen. Der islamistisch dominierte Schurarat stimmte dem Entwurf zu.

Präsident Mursi kommt am Mittwoch nach Berlin zu Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Mehrere Nichtregierungsorganisationen kündigten Proteste an. So will Amnesty International gegen „exzessive und unverhältnismäßige Polizeigewalt“ in Ägypten demonstrieren. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte IGFM will mit Mahnwachen auf das Schicksal vor allem der Christen am Nil aufmerksam machen.

Der melkitisch-katholische Patriarch von Antiochien, Gregorios III. Laham, im Gespräch mit Prälat Dr. Klaus Krämer. Missio

Kongress zur Situation der Kirchen in Ägypten

Mit der Zukunft der Christen in Ägypten beschäftigte sich auch ein Kongress, den das katholische Missionswerk Missio in Aachen diesen Monat in Kairo ausrichtete. Am 22. und 23. Januar – kurz vor dem zweiten Jahrestag der Revolution – hatte unter der Leitung von Prälat Klaus Krämer eine Delegation von Missio mit rund 20 Bischöfen, Priestern, Wissenschaftlern, Ordensangehörigen und Laien aus Ägypten über die Situation der Kirchen im Land gesprochen.

„Wir leben hier nicht in der Hölle, sondern in einer schwierigen Umbruchphase“, beschwor der Dominikaner Jean Jaques Pérennés die gegenwärtige ambivalente Gefühlslage der Christen in Ägypten. Einerseits hätten sie angesichts der politischen Islamisierung ihres Landes im Alltag sehr wohl vor Bedrängnis, Verfolgung und Migrationsdruck Angst, andererseits wollten sie zwei Jahre nach der Revolution die neue Freiheit nicht aufgeben, sondern mitgestalten. „Es geht darum, unsere Rolle und Funktion in diesem Prozess zu finden“, sagte seine Seligkeit Gregor III. Laham, Patriarch der mit Rom unierten melkitischen griechisch-katholischen Kirche.

Aufbau einer bürgerlichen Zivilgesellschaft

„Haben wir überhaupt noch einen Begriff dessen, was es heißt, ein Bürger in Ägypten zu sein?“, fragte auf dem Kongress Antonious Aziz Mina, Bischof der koptisch-katholischen Eparchie Gizeh. Eine Antwort sei für die Kirchen und Christen überlebensnotwendig. Denn allein wenn eine bürgerliche Zivilgesellschaft aufgebaut werde, in der sich alle Menschen zuerst als Bürger Ägyptens mit gleichen Rechten und Pflichten begreifen und der Staat sie auch so behandele, könne die Diskriminierung, Bedrängnis und Verfolgung einzelner Gruppen wie der Christen verhindert werden.

„Haben wir überhaupt noch einen Begriff dessen, was es heißt, ein Bürger in Ägypten zu sein?“

— Antonious Aziz Mina, Bischof der koptisch-katholischen Eparchie Gizeh

Deshalb bestand für die Mehrzahl der Konferenzteilnehmer eine der größten Herausforderung der ägyptischen Kirchen darin, eigene, für alle Ägypter offene Institutionen als Teil einer neuen politischen Kultur aufzubauen, bevor der Prozess der Islamisierung und konfessionellen Spaltung des Landes unumkehrbar unter der aktuellen Regierung fortgeschritten ist. Der koptisch-katholische Bischof Kyrillos William von Assiut brachte die Idee der Gründung einer katholischen Universität in Ägypten ein. Andere Konferenzteilnehmer plädierten für den Aufbau eigener Medien, um eine Stimme im Gespräch der Zivilgesellschaft zu haben. Vorbild eines solchen Engagements sind für den Jesuiten Fadel Syadaros 165 katholische Schulen mit rund 200.000 Schülern in Ägypten, davon etwa 55 bis 60 Prozent Muslime: „Wenigstens hier lernen für einige Jahre junge Christen und Muslime Grundsätzliches von der jeweils anderen Religion.“ (KNA/Missio Aachen)

Arbeitshilfe

Die Deutsche Bischofskonferenz hat im November vergangenen Jahres eine neue Arbeitshilfe „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“ veröffentlicht. Die 16-seitige Publikation mit dem Länderschwerpunkt Ägypten veranschaulicht den Lesern den schwierigen Alltag von Christen und präsentiert Informationen zur Entwicklung der Religionsfreiheit nach dem „Arabischen Frühling“.

Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen. Ägypten.

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