Vatikan-Sekretär Hofmann zum „Tag des Judentums“

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  • Vatikanstadt - 17.01.2013

Seit über zwei Jahrzehnten begeht die katholische Kirche in Italien und anderen Ländern am 17. Januar den „Tag des Judentums“. Zu dieser Initiative, einer möglichen Ausweitung und ihrer Bedeutung für den christlich-jüdischen Dialog äußert sich der Sekretär der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, der aus Deutschland stammende Salesianerpater Norbert Hofmann, im Interview.

Frage: Pater Hofmann, heute wird in etlichen Ländern der „Tag des Judentums“ begangen. Was will die katholische Kirche an diesem Tag erreichen?

Hofmann: Er will die jüdischen Wurzeln des Christentums herausstreichen, sie den Katholiken bewusst machen und zugleich ein Impuls für den jüdisch-christlichen Dialog sein. Man könnte sich beispielsweise treffen, um bei gemeinsamen Begegnungen die Psalmen aus christlicher und aus jüdischer Sicht zu interpretieren. An der Päpstlichen Lateran-Universität findet eine Veranstaltung statt, zu der auch Roms Oberrabbiner kommt.

Frage: Braucht es einen solchen Tag? Es gibt doch bereits eine „Woche der Brüderlichkeit“ oder den Tag der Befreiung des KZ-Auschwitz am 27. Januar.

Hofmann: Ich glaube, dass es eine solche speziell katholische Ergänzung durchaus braucht. Der 27. Januar ist von der UNO eingerichtet, die Woche der Brüderlichkeit wird in Deutschland von den „Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ organisiert (also Katholiken und Protestanten im Gespräch mit Juden). Daneben wäre es sinnvoll, wenn von katholischer Seite der „Tag des Judentums“ auf der Ebene der Bischofskonferenz durchgeführt wird. Allerdings will und kann unsere Kommission die Initiative nicht von oben herab dekretieren. Wir ermuntern die Bischofskonferenzen, einen solchen Tag einzuführen. Aber über das Ob, das Wie und Wann sollen die Bischofskonferenzen selbst entscheiden.

Frage: Welche Schwierigkeiten gibt es?

Hofmann: Grundsätzlich keine, nur unterschiedliche Voraussetzungen in den verschiedenen Ländern. Wenn die Bischöfe etwa in den USA einen solchen Tag einführen würden, müssten sie gleichzeitig einen Dialogtag mit dem Islam organisieren oder ökumenische Gedenktage mit den Protestanten, Baptisten oder anderen. Ansonsten sähen sie die Gefahr, die Beziehungen zum Judentum zu sehr zu betonen.

Frage: Was geschieht in Deutschland?

Hofmann: Dort diskutiert die zuständige Unterkommission der Bischofskonferenz derzeit diesen Vorschlag. Freilich gibt es bereits die Woche der Brüderlichkeit, zudem werden der 27. Januar sowie der 9. November in Erinnerung an die Reichspogromnacht entsprechend begangen. Insofern muss man überlegen, ob ein zusätzlicher eigener Tag Sinn macht.

Sekretär der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Pater Norbert Hofmann KNA

Frage: Wie sehen Sie das derzeitige Verhältnis zwischen Kirche und Judentum? Was ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erreicht worden?

Hofmann: Insgesamt und auf internationaler Ebene halte ich das Verhältnis für sehr gut. Die Freundschaft vertieft sich und wächst – und das war und ist keineswegs selbstverständlich. Ein Zeichen dieser Freundschaft ist, dass wir auch schwierige Themen in einer brüderlichen Atmosphäre fachgerecht angehen können – etwa die Williamson-Affäre oder eine mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII. Unser Ziel ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Gerade auf sozialkaritativer Ebene können wir viel unternehmen und haben bereits manches gemeinsam organisiert.

Frage: Aber ein theologischer Dialog wird auch geführt?

Hofmann: Selbstverständlich. Wir sprechen mit dem Oberrabbinat von Israel oder dem International Jewish Committee on Interreligious Consultations. Wir sind offen für den Dialog mit allen möglichen jüdischen Strömungen – mit dem orthodoxen, konservativen und liberalen Judentum. Natürlich stößt ein theologischer Austausch immer irgendwann an Grenzen. Christen und Juden haben gemeinsame Wurzeln, aber das Judentum ist keine christliche Konfession, sondern eine andere Religion. Insofern gibt es eine andere Zielperspektive als im ökumenischen Dialog.

Frage: Sie haben die Streitfrage um die Seligsprechung Pius XII. angesprochen. Bleibt das Verfahren weiter ausgesetzt?

Hofmann: Das obliegt nicht unserer Kommission, sondern der Heiligsprechungs-Kongregation. Meines Wissens arbeitet man dort weiter an dem Verfahren. Wir hören aber von jüdischen Gesprächspartnern immer wieder den Rat, Pius XII. nicht seligzusprechen, solange es noch Holocaust-Überlebende gibt und solange das Archivmaterial seines Pontifikats der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die letzte Entscheidung liegt jedoch beim Papst.

Frage: Aber ein Zerwürfnis zwischen Juden und Katholiken gibt es nicht mehr?

Hofmann: Vor rund zehn Jahren waren wir wegen dieser Sache vielleicht nahe an einem Zerwürfnis. Doch die Zeiten, als diese Frage absoluten Stillstand im Dialog zwischen uns hätte auslösen können, sind meiner Ansicht nach vorbei. Inzwischen gibt es ja sogar Initiativen von Juden, die sich für eine Rehabilitierung von Pius XII. einsetzen, die ihn sogar als Gerechten unter den Völkern ehren wollen.

Von Johannes Schidelko

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