Im Einklang mit Mutter Erde

  • Bonn - 19.12.2012

Seit 30 Jahren wirkt Padre Luiz Ceppi als Priester in der nordwestlichen Amazonasregion Brasiliens. Im Großraum Porto Velho hilft er kirchlichen Basisgemeinden beim Aufbau von Bauernkooperativen und unterstützt sie bei einer schonenden und nachhaltigen Bewirtschaftung des Regenwaldes. Zurzeit ist Ceppi im Rahmen der Adveniat-Aktion in Deutschland unterwegs und berichtet von den Herausforderungen, vor denen die Basisgemeinden in Brasilien stehen.

Frage: Padre Ceppi, in ihrer Heimat Brasilien arbeiten Sie eng mit kirchlichen Basisgemeinden zusammen. Was versteht man darunter?

Ceppi: Es gibt verschiedene Aspekte, durch die sich kirchliche Basisgemeinden auszeichnen: Erstens ist da die gemeinsame Bibellektüre – das Wort Gottes wird gelesen und verinnerlicht. Zweitens: die Liturgie wird gelebt – und das nicht nur im Gottesdienst als feste liturgische Form, sondern auch im Alltag. Drittens: Verbindungen werden geschaffen und gepflegt. Die Basisgemeinden spinnen ein enges Beziehungsnetz zwischen kirchlichen Institutionen und vielen weiteren religiösen und zivilgesellschaftlichen Gemeinschaften. Wichtig ist zudem das Bestreben, Glaube und alltägliches Leben zusammenzuführen. Wenn der Glaube nicht das Leben beeinflusst, nutzt er nichts und andersherum. Die Verbindung zwischen Religiosität und alltäglichem Leben ist essentiell – das führen uns kirchliche Basisgemeinden vor Augen.

Frage: Vor welchen Herausforderungen stehen die Basisgemeinden im Amazonasgebiet?

Ceppi: Die größte Herausforderung ist die Zunahme der industriellen Landwirtschaft. Internationale Konzerne holzen große Flächen des Regenwaldes ab, um dort Soja anzubauen oder Vieh zu züchten. Dadurch werden Kleinbauern vertrieben und die „Pachamama“, unsere Mutter Erde, Stück für Stück zerstört. Für die Kirche vor Ort stellt sich nun die Frage, wie sie angesichts dieser Bedrohung die Überlebensfähigkeit der Menschen, von denen ein Großteil in der Landwirtschaft tätig ist, sichern kann. Was nützt uns eine wirtschaftliche Entwicklung, die uns unsere Lebensgrundlage entzieht?

Adveniat Aktion 2012: Brasilien - Luiz Ceppi

P. Luiz Ceppi hilft den Basisgemeinden im Großraum Porto Velho beim Aufbau von Bauernkooperativen.

Gleice Mere, Thomas Milz, Mareille Landau

Frage: Aber es gibt durchaus Alternativen zur industriellen Landwirtschaft, zum Beispiel die Bauernkooperative „Reca“. Diese setzt sich für eine alternative Urwaldbewirtschaftung ein. Wer ist in der Kooperative zusammengeschlossen und wie funktioniert die alternative Pflanzung?

Ceppi: Die Bauernkooperative hat es geschafft, zwei Dinge zusammenzubringen: die Jahrtausendealte landwirtschaftliche Kenntnis der indigenen Bevölkerung auf der einen und das Organisationstalent der zugewanderten Bauernfamilien aus dem Süden auf der anderen Seite. Ein Beispiel: Man hat damit angefangen, auf zwei Hektar Land zwei typische Früchte des Amazonasgebiets, Pupunha und Cupuaçu, anzupflanzen. Nach der Ernte werden alle Bestandteile dieser Früchte verwertet, nichts wird weggeschmissen. Aus den Kernen des Cupuaçu wird beispielsweise eine Art Fett gewonnen, das zu Hautcreme verarbeitet wird. Und das Fruchtfleisch der Pflanze dient der Herstellung von weißer Schokolade. Alle Produkte, die aus dem Anbau der Früchte gewonnen werden, werden von der Bauernkooperative selbst vermarktet.
Das besondere an „Reca“ ist, dass die Bauern an allen Produktionsschritten beteiligt sind. In der Großindustrie ist das anders: Die Mitarbeiter dort produzieren über Jahrzehnte hinweg immer das gleiche Werkstück. Ihnen fehlt der Überblick über die Gesamtproduktion. Die Mitglieder unserer Genossenschaft hingegen sind dazu in der Lage, jeden einzelnen Schritt in der Herstellung selbst zu machen. Das ist ein großer Vorteil.

Frage: Die Bauernkooperative scheint ein wahrer Segen für die Bauernfamilien vor Ort zu sein …

Ceppi: Das stimmt. „Reca“ besteht seit nunmehr 24 Jahren. Über 500 Familien können mittlerweile von der alternative Urwaldbewirtschaftung leben. Es ist ein Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft, die weder nachhaltig wirtschaftet, noch Arbeitsplätze für die Ortsansässigen schafft. Daran sieht man, dass die Agroindustrie auf der einen und die Kleinbauern auf der anderen Seite zwei völlig unterschiedliche Wirtschaftsmodelle verfolgen. Die internationalen Konzerne sind zu hundert Prozent auf die Ausbeutung der Ressourcen ausgerichtet. Im Gegensatz dazu müssen die Kleinbauern von den natürlichen Ressourcen und Gegebenheiten vor Ort leben. Sie sind auf eine nachhaltige Landwirtschaft angewiesen, sonst verlieren sie ihre Lebensgrundlage. Schon im Buch Levitikus heißt es „Die Erde gehört niemandem, Ihr seid nur Gast auf dieser Erde“ – eine Mahnung, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

Alles in Handarbeit: Frauen aus der Bauernkooperative Reca beim Bearbeiten der Kerne der Pupunhapalme. Gleice Mere/Adveniat

Frage: Abgesehen vom Aufbau der Kooperativen: Welche weiteren Maßnahmen ergreift die Kirche, um die Rechte der Kleinbauern zu stärken?

Ceppi: Die lokale Kirche unterstützt die Bauern bei der Selbstorganisation und im Bildungsbereich. Man hat beispielsweise eine Schule eingerichtet, in der sich die örtlichen Bauern und deren Kinder in der landwirtschaftlichen Praxis weiterbilden können. In der Bibel steht geschrieben „Der eine wird aussäen, der andere wird ernten“ – und eben hier sieht die Kirche ihre Aufgabe als Begleiter der Basisgemeinden: Wir säen aus; säen Ideen und Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Pachamama. Wir können nicht beeinflussen, was daraus erwächst, aber wir können die Voraussetzungen, dass etwas wächst schaffen – und das ist das Bedeutsame.

Frage: Was haben Sie durch Ihre Arbeit mit den Basisgemeinden gelernt?

Ceppi: Eine wahre Entwicklung muss nicht zwingend mit Technisierung und wirtschaftlichem Gewinn einhergehen. Die alternative Pflanzung zeigt uns: Es geht auch anders. Es gibt nicht das eine Modell von Entwicklung. Abhängig von der jeweiligen Herkunft und Kultur haben die Menschen unterschiedliche Methoden entworfen, ihre Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Unterschiedlichkeit uns bereichert. Das ist eine ganz wichtige Botschaft, die ich aus der Arbeit mit den Basisgemeinden mitgenommen habe. Es gibt nicht nur eine, sondern verschiedene Zivilisationen, die sich im Aufbau der gemeinschaftlichen Grundlage der Erde ergänzen. In der katholischen Kirche sagen wir: Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde – darauf müssen wir gemeinsam hinarbeiten.

Das Interview führte Lena Kretschmann

Weitere Informationen zur Adveniat-Aktion finden Sie unter www.adveniat.de oder auf unserem Internetportal .

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