Adveniat-Gast im Erzbistum Paderborn

  • Hagen - 17.12.2012

So wie ihr die Bürgersteige für eure Mitmenschen vom Schnee frei räumt, so sollt ihr auch euer Herz für eure Mitmenschen frei machen“ – mit diesem Bild holte Marcelino Cruz die Gottesdienstbesucher in der Wormbacher St. Peter und Paul Kirche in ihrer Realität ab. Denn an diesem Sonntag schneite es dicke Flocken vom Himmel. Bald hatte sich eine weiße Schneedecke über Wormbach und Umgebung gelegt. Auf dem Weg von Paderborn ins Sauerland konnte der 56-jährige Bolivianer einige Menschen beobachten, die bereits in den frühen Morgenstunden fleißig den Schnee von den Bürgersteigen schippten.

Dass Marcelino Cruz dieses Bild gewählt hat, ist kein Zufall. Denn die Basisgemeinden in seiner Erzdiözese La Paz schlagen genau diese Brücke zwischen Glauben und Alltag: Bei ihren regelmäßigen Treffen tauschen sie sich über alltägliche Dinge aus und lesen gemeinsam die Bibel. Im Anschluss an die Lektüre wird die jeweilige Bibelstelle konkret auf den Alltag der Menschen oder eine aktuelle politische oder soziale Situation im Land übertragen.

Vier Tage lang war Marcelino Cruz zu Gast im Erzbistum Paderborn. In seiner Heimat ist er für die Koordinierung von gut sechzig Basisgemeinden zuständig. Im Rahmen der Adveniat-Aktion ist Cruz nun in Deutschland unterwegs, um das pastorale Modell der lateinamerikanischen Basisgemeinden vorzustellen. Dabei stieß er überall auf großes Interesse und neugierige Fragen. Eine Schülerin des Fichte-Gymnasiums in Hagen stellte offen fest: „Die Basisgemeinden haben mich neugierig gemacht. Ich würde das gerne einmal ausprobieren.“ Eine junge Frau der Gemeinschaft TAU des Katholischen Forums Dortmund äußerte sich ebenfalls begeistert und sieht sich bestärkt darin, die Aktivitäten ihrer Gruppe im Geist der Basisgemeinden zu gestalten.

„Einfach einmal innehalten und hören, was der Heilige Geist einem zuflüstert.“

— Marcelino Cruz
Marcelo Cruz beim gemeinsamen Bibellesen mit seiner Familie. Escher/Adveniat

Auf die Nachfrage vieler Zuhörer, ob der Klerus die Basisgemeinden gutheiße, antwortete Marcelino Cruz selbstbewusst: „Die Basisgemeinden holen die Menschen bei ihren Bedürfnissen ab, was die heutige Amtskirche oftmals nicht mehr leistet. Wenn der Klerus möchte, dass sich die Gotteshäuser nicht weiter leeren, sollte er die Basisgemeinden als lebendige Gotteshäuser unterstützen.“

Derartige Mutzusprechungen fanden bei den Hagenern viel Anklang. Auch die persönliche Geschichte des Bolivianers ließ die Interessierten ganz still werden – sogar der Dechant, der schon früher hätte weiterziehen wollen, blieb letztendlich bis zum Schluss: Als 19-Jähriger hatte sich Marcelino Cruz, verbittert von den Gräueltaten der Militärdiktatur, aus der Kirche zurückgezogen. Nach drei Jahren kehrte er in die Basisgemeinde seiner Schwester zurück, die sich damals mit Arbeiterrechten auseinandersetzte und Marcelino als Fachmann eingeladen hatte. Seitdem engagiert er sich für die Basisgemeinden und weiß worauf es ankommt: „Einfach einmal innehalten und hören, was der Heilige Geist einem zuflüstert.“ Dies ist auch die Botschaft, die er nicht nur an diesem Abend dem Publikum mit auf den Weg gab.

Von Marion Burkard

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