„Ein düsteres Bild“

  • Bonn - 07.12.2012

In den vergangenen zwölf Tagen hat die Weltgemeinschaft wieder mal über den Klimawandel debattiert und nach Lösungen gesucht. Gefunden wurden die bei der Klimakonferenz in Doha allerdings nicht. Misereor-Expertin Anika Schroeder bezeichnet die Ergebnisse der Konferenz im Interview mit katholisch.de deshalb als enttäuschend. Zwar würden die Klagen über den Klimawandel immer lauter, ambitioniertere Klimaschutzziele seien aber trotzdem nicht beschlossen worden.

Frage: Frau Schroeder, hätte sich die Weltgemeinschaft die Klimakonferenz in Doha angesichts der spärlichen Ergebnisse nicht auch sparen können?

Schroeder: Nein. Auch wenn die Ergebnisse enttäuschend sind, war Doha ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg hin zu einem umfassenden Klimaschutzabkommen. Wenn allerdings in naher Zukunft kein ambitionierter internationaler Klimaschutzvertrag entstehen sollte, war Doha in der Tat verschwendete Zeit und Energie. Wir müssen den Druck aufrechterhalten: Der Klimawandel kostet schon heute Leben.

Frage: War es nicht von vornherein ein schlechtes Signal, die Weltklimakonferenz in Katar abzuhalten? Immerhin war der Wüstenstaat bislang ja nicht gerade als Vorreiter in Sachen in Umweltschutz bekannt ...

Schroeder: Katar hat sich in der Tat bisher verantwortungslos gezeigt. Als Teil der Gruppe der größten erdölexportierenden Länder ist das Land vor allem mit Aussagen aufgefallen, die den Klimawandel in Frage gestellt haben. Mit der Vergabe der Konferenz an Katar war im Vorfeld die Hoffnung verbunden worden, dass die OPEC ihre Blockadehaltung aufgeben würde. Katar hat als Gastgeber und Präsident der Konferenz keinen besonders guten Job gemacht. Es gibt aber auch Positives: Diese „arabische“ Klimakonferenz könnte enorm zur Bewusstseinsbildung in der gesamten Region beitragen. Ich bin überzeugt, dass die Konferenz die nationalen Debatten zum Thema Klimaschutz in Zukunft positiv beeinflussen wird.

Dürre und Hungersnot in Äthiopien. Ehrler/Misereor

Frage: Im Vorfeld wurden immer wieder Länder wie die USA oder China als die größten Blockierer beim Klimaschutz angeprangert. War das in Doha tatsächlich so?

Schroeder: China und die USA behindern sich vor allem gegenseitig. Die USA wollen nichts tun, ohne dass auch China aktiv wird und umgekehrt. Der Unterschied ist nur, dass sich die USA als „altes Industrieland“ einst selbst zum Klimaschutz verpflichtet haben, China als Schwellenland hingegen noch nicht. US-Präsident Barack Obama muss nun endlich sein Wahlversprechen halten und sich im eigenen Land gegen die Blockierer durchsetzen. Das könnte auch China zu Zusagen bewegen. In Doha sind neben den USA vor allem Polen, Neuseeland und Russland kritisiert worden, weil diese Länder nur neue Schlupflöcher beim Klimaschutz schaffen wollten statt ambitioniertere Ziele zu vereinbaren. Statt aber nur mit dem Finger auf einzelne Länder zu zeigen, muss man auch sehen, dass fast kein Land dieser Welt ein Klimaschutzziel anbietet, welches geeignet ist, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Nach wie vor zeichnet sich hier ein düsteres Bild ab.

Frage: Wie beurteilen Sie die Rolle Deutschlands bei den Klimaverhandlungen?

Schroeder: Deutschland und Europa haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz eingenommen und viel zur Vertrauensbildung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beigetragen. In Zeiten der Wirtschaftskrise stehen jetzt aber andere Interessen im Vordergrund. Eigentlich müsste Europa sich das Ziel setzten, seine Emissionen bis 2020 gegenüber dem Stand von 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Nicht einmal auf 30 Prozent gehen sie derzeit hoch. Auch Deutschland wird seine Klimaschutzziele nicht einhalten können, wenn Europa sich nicht ambitioniertere Ziele setzt.

Anika Schroeder ist Referentin für Klimawandel und Entwicklung beim katholischen Hilfswerk Misereor. Misereor

Frage: Sie waren als Beobachterin für Misereor bei der Konferenz. Welche Akzente hätten Sie sich im Sinne des Hilfswerks gewünscht und was ist davon erreicht worden?

Schroeder: Jede Klimakonferenz soll dazu beitragen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern und die Unterstützung von Anpassungsmaßnahmen in Entwicklungsländern zu erhöhen. Auch wenn Doha von vornherein nur ein Zwischenschritt sein sollte, bin ich doch sehr enttäuscht, dass die Klagen über den Klimawandel einerseits immer lauter werden, die Klimaschutzziele sich aber nicht in gleicher Weise erhöhen. Die internationalen Klimaverhandlungen entfernen sich immer weiter von der Realität.

Frage: Ist die Welt angesichts dieser düsteren Zwischenbilanz überhaupt noch zu retten?

Schroeder: Daran habe ich keinerlei Zweifel. Die Frage ist allerdings, wie die Welt in Zukunft aussehen wird und wie vielen Menschen sie ein würdevolles Leben ermöglichen kann. Die derzeit wichtigste Frage ist, ob wir es schaffen werden, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Sollte diese Marke überschritten werden, besteht das Risiko, dass unumkehrbare Klimaprozesse in Gang kommen, wie etwa die dauerhafte Verschiebung des Monsunregens in Indien oder die Austrocknung des Amazonas-Regenwaldes. Das könnte so schnell gehen, dass Gesellschaften sich einfach nicht an die Veränderung anpassen können. Fakt ist: Die Emissionen müssen in spätestens zehn Jahren weltweit sinken, insgesamt müssen 80 Prozent der fossilen Rohstoffe, die bereits zur Förderung vorgesehen sind, unter der Erde bleiben. Das wird nicht einfach sein, aber es ist machbar – solange wir den Glauben nicht verlieren.

Das Interview führte Christoph Meurer

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