Was vom Messias bleibt

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  • US-Wahl - 07.11.2012

Obama hatte seine erste Amtszeit als geradezu überirdische Lichtgestalt angetreten. Als erster afroamerikanischer Präsident war er auch die Projektionsfläche für unfassbare Utopien und Übersteigerungen des amerikanischen Traums: weltweiter Friede, wirtschaftliche Prosperität für jedermann, Überwindung der faktischen Rassendiskriminierung, die die US-Gesellschaft immer noch durchzieht, Neujustierung des Bildungssystems, Überholung und Erweiterung des Gesundheitssystems.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises in einer sehr frühen Phase der ersten Amtszeit hat die Erwartungen noch um ein Vielfaches gesteigert. Obama konnte sie alle nur enttäuschen. Aber die Talsohle der Enttäuschungen ist inzwischen durchschritten; Obama, der endlich auf ein menschliches Maß geschrumpft ist, kann in der neuen Amtszeit leichter regieren, weil er sagen darf, was machbar ist und was nicht. Und niemand wird ihn für Nichtrealisierung des Unmöglichen haftbar machen.

Amerika will sich nicht um europäische Fragen kümmern

Außenpolitisch ist mit Obama ebenfalls eine neue Ära angebrochen. Eine Veränderung wird befördert, die wir aus der katholischen Weltkirche schon kennen: Der Fokus verschiebt sich von der Nordhalbkugel und von der westlichen Welt auf die Südhalbkugel und auf den Osten. Für Europa bedeutet das aber eine neue Phase der Ernüchterung. Amerika wird und will sich nicht länger um europäische Fragen kümmern; denn Europa ist längst erwachsen geworden und muss für sich selbst sorgen.

Die US-amerikanische Flagge vor blauem Himmel. Sven Bähren/Fotolia.com

Obama gehört einer Generation an, die ein demokratisch organisiertes Europa, das in politischem und sozialem Frieden lebt, als selbstverständlich hinnimmt. Vielleicht hat man sich in Europa nach den Entfremdungen durch die Busch-Ära gewünscht, von den USA ein wenig mehr hofiert und umgarnt zu werden. Aber auch diese Erwartung hat Obama enttäuscht – vielleicht zu Recht.

Der außenpolitischen Nüchternheit steht in Obamas Bilanz eine innenpolitische Überreizung ideologischer Festlegungen gegenüber. Selten waren Frontverläufe so verhärtet wie in der ersten Amtszeit des US-Präsidenten Obama. Wer erinnert sich nicht an die seltsam radikale politische Bewegung der so genannten "Tea Party", die in ihren politischen Forderungen die Republikanische Partei in einen einseitigen Strudel brachte?

Wahlkampfempfehlungen der Kirche

Auch die katholische Kirche hat – blickt man auf ihre offiziellen Repräsentanten und Organe – zu dieser Polarisierung beigetragen. Die Richtung, die die US-Bischöfe hier eingeschlagen haben, überrascht nicht. Die Deutlichkeit der Wahlempfehlungen war kaum zu übertreffen. Aus der Perspektive der katholischen Bischöfe – zumindest derjenigen, die in der ersten Reihe stehen und öffentlich wahrgenommen werden – steuert die US-Gesellschaft auf eine Art Kulturkampf zu, bei dem immer offensichtlicher wird, dass sich die Werte einer extrem liberalen Gesellschaft mit den Werten des katholischen Christentums nicht vertragen.

In dieser Kulturkampfstimmung erliegt die US-Kirche gelegentlich der Versuchung, den liberalen Lebensentwürfen, die in den USA besonders an den Küstenstaaten ihre Heimat haben, eine andere Welt entgegenzuhalten, die in der Kirche als ''societas perfecta'' - der perfekten Gesellschaft - ihren Ausdruck findet. Dass diese Dialektik selbst etwas Zynisches an sich hat, wenn man bedenkt, wie nachdrücklich die offiziellen Organe des US-Katholizismus sich bemühen, den durch die Missbrauchskrise verur-sachten Vertrauensverlust zu kaschieren, sei hier nur am Rande erwähnt.

Von der Geunsdheitsreform zur Religionsfreiheit

Aber wie kommt man von der Gesundheitsreform zum Problem der religiösen Freiheit? In einem frühen Gesetzesentwurf wollte die Obama-Regierung auch konfessionell-katholisch geführte Krankenhäuser dazu zwingen, schwangeren und abtreibungswilligen Frauen alle ''therapeutischen'' medizinischen Möglichkeiten offenzuhalten. Hätten sich die katholischen Krankenhäuser hier verweigert, so hätten sie womöglich ihre Anerkennung und vor allem ihre steuerlichen Privilegien verloren. In verschiedenen Verhandlungsrunden konnte sich die katholische Kirche diesem Druck entziehen, nicht aber einem anderen: Gewöhnlich haben katholische Arbeitgeber für ihre Arbeitnehmer mit Krankenversicherungsfirmen Vertragsbedingungen ausgehandelt, die bestimmte medizinische Möglichkeiten vom Versicherungsschutz ausnehmen. Der Zugriff auf Verhütungsmittel, die Bezahlung von Abtreibung, aber auch bestimmte Formen der Perinatal-Medizin (künstliche Befruchtung etc.) sollten von den Versicherern nicht abgedeckt werden. Die katholische Kirche sah und sieht diese Maßnahmen als etwas an, das eklatant ihrem Wertesystem widerspricht. Obamas Gesundheitsreform wollte nun aber eine möglichst breite und umfassende Versorgung für alle sicherstellen. Und dazu zählte auch der Zugang zu möglichst allen medizinischen Möglichkeiten, die gesetzlich festgehalten wurden und damit nicht mehr Teil vertraglicher Verhandlungsmasse sein konnten.

Die US-Bischöfe sahen sich durch diese Neuregelung in der Ausübung der Religionsfreiheit beschränkt, weil eine staatliche Direktive anscheinend unmittelbar auf die Lebensfähigkeit bestimmter religiöser Überzeugungen übergriff. Damit war ein Politikum entstanden, das die schon länger anhaltende Entfremdung zwischen US-Katholiken und Demokraten weiter verschärfte. Dass diese Debatte von den Bischöfen nicht offen auf einer moraltheologischen Plattform geführt wird, sondern im Namen der Religionsfreiheit, hat allerdings auch etwas Scheinheiliges, weil die Katholische Kirche in den USA bisher gerade auf der Grundlage der Religionsfreiheit Steuerprivilegien und sogar einen gewissen Schutz vor dem vollen Zugriff des Strafrechts genießen konnte.

Einig mit den Evangelikalen

Belly-Issues – also Themen, die die Bereiche unterhalb der Gürtellinie betreffen – werden den etwas künstlichen Kulturkampf zwischen katholischer Amtskirche und demokratischer Regierung weiter befeuern. Das nächste Thema ist dabei schon anvisiert: das Problem der gleichgeschlechtlichen Ehe, das auf der liberalen Agenda der Demokraten fest verankert ist. An diesem Punkt wie auch in der Anti-Abtreibungs-Politik sind katholische Bischöfe auch bereit, mit den Evangelikalen Allianzen einzugehen. Erste Erfolge konnte man hierbei 2008 in Kalifornien ver-buchen, als im Rahmen einer Volksabstimmung ein Verfassungszusatz (Proposition 8) formuliert wurde, der nur die heterosexuelle Ehe als staatlich schützenswert einstufte. Allerdings wurde dieser Zusatz 2010 und 2012 von den Gerichten aufgehoben. Die Verbindung mit der religiösen Rechten auf der Grundlage der „Belly Issues“ treibt die katholische Kirche weiterhin in die Arme der Republikaner. Allerdings gilt dies meist nur für die amtskirchlichen Stimmen. Denn unterhalb dieser Ebene ist die Parteienaffinität unter Katholiken ebenso gespalten wie innerhalb des ganzen Landes.

Es sind sozialethische und friedenspolitische Fragen, weswegen eine immer noch stattliche Zahl von Katholiken Obama mehr zutrauen als seinen republikanischen Gegnern. Die Zeiten, in denen Katholiken vor allem untere Gesellschaftsschichten repräsentierten, die nur von den Demokraten angesprochen wurden, sind zumindest nicht vergessen, auch wenn mancher US-Bischof im Augenblick daran nicht gern erinnert wird. Die Schwarz-Weiß-Rasterung, die so viele Bereiche des politischen Lebens in den USA durchzieht, hat inzwischen auch voll die Kirchenpolitik erfasst. Und es wird mindestens eine Generation dauern, bis auch die katholische Amtskirche in den USA einsieht, dass es nicht nur dogmatisch verkürzend, sondern auch moral-theologisch unwürdig ist, ‚Belly Issues‘ zum einzigen Lackmustest katholischer Identität zu stilisieren.

Von Thomas Schärtl

Zur Person

Thomas Schärtl ist Professor für Philosophie an der Universität Augsburg. Zudem ist er Vorsitzender der Arbeitgemeinschaft deutschsprachiger Philosophiedozentinnen und -dozenten im Studium der Katholischen Theologie an wissenschaftlichen Hochschulen.

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