Jesuiten-Flüchtlingsdienst kritisiert Asylpolitik

  • Berlin - 30.10.2012

Vor dem Brandenburger Tor demonstrieren derzeit bis zu 80 Flüchtlinge für einen „menschenwürdigen Umgang“ mit Asylsuchenden und Geduldeten. Zugleich fordert Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schärfere Regeln gegen Asylmissbrauch.

Heiko Habbe, Anwalt des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland, verteidigte am Dienstag in Berlin in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur zentrale Forderungen der Asylsuchenden. Zugleich rief er Friedrich auf, gegen die Fluchtursachen vorzugehen, statt auf Abschottung zu setzen.

Frage: Herr Habbe, geht der deutsche Staat mit Asylsuchenden „unmenschlich“ um, wie manche Kritiker es formulieren?

Habbe: Jeder Mensch hat ein Recht auf das physische Existenzminimum ebenso wie auf ein Mindestmaß an soziokultureller Teilhabe. Das sind Menschenrechte, die das Grundgesetz festgeschrieben hat. Eine soziokulturelle Teilhabe ist für viele Asylsuchende und Geduldete aber nicht möglich - erst die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Asylbewerberleistungsgesetz hat hier teilweise Abhilfe geschaffen. Vielen Betroffenen werden die Leistungen aber weiter unter das vom Gericht festgelegte Niveau gekürzt. Man kann deshalb sagen: Deutschland geht „unmenschlich“ mit diesen Menschen um.

Frage: Was bedeutet hier soziokulturelle Teilhabe?

Habbe: Die Möglichkeit, jedenfalls auf bescheidenem Niveau am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dazu kann die Möglichkeit gehören, sich eine Zeitung zu kaufen, einen Kaffee mit Freunden zu trinken oder ins Kino zu gehen. Das ist für viele Asylsuchende in Deutschland nicht möglich.

Frage: Zugespitzt gefragt: Müssen wir jedem Menschen, der Asyl in Deutschland sucht, die Leistungen des Sozialstaats gewähren?

Habbe: Die Menschenwürde kann und darf für niemanden relativiert werden. Entscheidend ist, dass Asylsuchende und Geduldete nicht dazu gezwungen werden dürfen, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Deshalb ist das Arbeitsverbot für sie so widersprüchlich: Aus unserer Beratungsarbeit wissen wir, dass die meisten von ihnen für sich selbst sorgen wollen, es aber nicht dürfen.

Frage: Sind die Forderungen von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nach schärferen Regeln und einem anderen Umgang mit Hilfesuchenden aus sicheren Herkunftsstaaten berechtigt?

Habbe: Friedrich stellt die Lage etwa der Sinti und Roma in Serbien und Mazedonien falsch dar. Sie erleben eklatante Ausgrenzung, rassistische Diskriminierung, Zwangsumsiedlungen, pogromartige Übergriffe bis hin zum Abbrennen ihrer Häuser. Das vor allem bewegt sie, nach Deutschland zu kommen. Hinzu kommt, dass viele in einer Armut leben, die für uns unvorstellbar ist.

Frage: In der Debatte ist auch die Rede von Asylmissbrauch und von Schieberbanden, die Menschen ein besseres Leben in Deutschland versprechen. Muss der Staat nicht schärfer dagegen vorgehen?

Habbe: Wir dürfen doch nicht die Probleme auf den Schultern der Hilfesuchenden austragen. Die Erfahrung zeigt leider, dass es Menschen gibt, die das Elend anderer ausnutzen. Der richtige Weg wäre aber, nicht die Mauern hochzuziehen, sondern stärkeren Druck auf die Länder auszuüben, damit sich die Ursachen ändern. Derzeit sind Serbien und Mazedonien nach meiner Einschätzung nicht so weit, dass sie der EU beitreten können. Bei Bulgarien und Rumänien hat der Beitritt die gleichen Probleme auch nicht gelöst. Die Bedingungen in den Ländern haben sich nicht geändert.

Frage: Was muss sich im Umgang mit Asylbewerbern und Flüchtlingen im Hinblick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ändern?

Habbe: Die diskriminierenden Maßnahmen müssen beendet werden. Neben der Anhebung der Asylbewerberleistungen, besser noch der Aufhebung dieses Sondergesetzes, sind die beiden Hauptpunkte die Aufhebung der Residenzpflicht und des Arbeitsverbots. Als erstes brauchen die Asylsuchenden die Möglichkeit, für sich selbst sorgen zu können. Wenn dies nicht gelingt, haben sie das gleiche Recht auf soziale Sicherung wie Einheimische auch.

Von Benedikt Angermeier

© KNA

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst wurde 1980 gegründet als Reaktion auf das Elend der vietnamesischen Boat People. Die internationale katholische Hilfsorganisation arbeitet heute mit rund 1.200 Mitarbeitern in über 50 Ländern weltweit. Unter dem Leitbild, Flüchtlinge zu begleiten, ihnen zu dienen und sich für ihre Rechte einzusetzen, ist der Jesuiten-Flüchtlingsdienst seit über 15 Jahren auch in Deutschland vertreten. Die Arbeitsschwerpunkte liegen hier in der Seelsorge für Menschen in Abschiebungshaft und in der Hilfe für Migranten ohne regulären Aufenthaltsstatus.

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