Rebellen am Verhandlungstisch

  • Bogotá - 15.10.2012

Kolumbien verhandelt über den Frieden und der Rest der Welt schaut gebannt zu: Im norwegischen Oslo wollen die Delegationen der Regierung und der größten Rebellengruppe des südamerikanischen Landes in dieser Woche in Gesprächen einen ersten Schritt Richtung Frieden machen.

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC genannt, gelten als eine der ältesten Guerilla-Organisationen Lateinamerikas. Vor knapp einem halben Jahrhundert gegründet, setzten sich die marxistischen Rebellen mit Waffengewalt zunächst für die rechtlosen Kleinbauern ein. Das verschaffte der FARC vor allem bei den Campesinos Rückhalt und Sympathien.

Doch als in Kolumbien Jahre später der Drogenhandel zur wichtigsten illegalen Einnahmequelle wurde, änderte die FARC ihr „Geschäftsmodell“. Heute gehört die rund 9.000 Kämpfer zählende Organisation zu einem der größten Drogenkartelle Lateinamerikas. Waffenhandel, Landvertreibung und Entführungen zählen neben dem Drogenhandel zu den wichtigsten Einnahmequellen der Rebellen. Unter ihren Opfern sind heute auch die einst beschützten Kleinbauern. In Europa und den USA steht die FARC auf der Liste der Terrororganisationen.

Regierung im blutigen Krieg mit den Rebellen

Dass sich die FARC-Führung überhaupt mit der Regierung an einen Tisch setzt, ist vor allem der Politik der harten Hand in den vergangenen Jahren geschuldet. Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe (2002-2010) führte mit Unterstützung der USA einen blutigen Krieg gegen die Rebellen, der sie zwar erheblich schwächte, aber auch mit zahlreichen Menschenrechtsverletzungen der Armee bezahlt wurde. Uribes damaliger Verteidigungsminister Juan Manuel Santos ist heute Präsident Kolumbiens. Santos setzt die Politik der militärischen Stärke fort; im Gegensatz zu Uribe zeigt er sich jedoch verhandlungsbereit.

In den vergangenen zwei Jahren spürte die Regierung mittels neuester Militärtechnik die führenden Köpfe der Rebellen auf und tötete sie. Vor allem diese individuelle Bedrohung treibt die FARC-Führung an den Verhandlungstisch. „Ich habe den Schlüssel zum Frieden in der Hand“, sagte Santos zu Beginn seiner Amtszeit vor zwei Jahren.

Vor dem Bürgerkrieg geflohen, im Elend gestrandet: Binnenflüchtlinge in Kolumbien. Frevel/Adveniat

Die Punkte, über die die Mittelsmänner von Regierung und FARC in Oslo sprechen wollen, liegen auf der Hand. Es geht um einen Waffenstillstand, um die Freilassung der Geiseln, die sich zum Teil seit Jahrzehnten in der Hand der FARC befinden und um eine politische Integration der Guerilla. Immerhin 9.000 Kämpfer müssen in irgendeiner Form ihren Platz in der Gesellschaft finden. Deswegen kommt auch die alte Frage der Landrückgabe wieder auf den Verhandlungstisch. Weil die FARC als Beschützer der Kleinbauern anfing, soll ihr das Thema der Landrückgabe nun einen Weg zurück in die kolumbianische Gesellschaft ebnen.

Bevölkerung reagiert verhalten

Trotzdem ist von Euphorie in Kolumbien derzeit noch nicht viel zu spüren. Zu frisch sind die Erinnerungen an die gescheiterten Friedensverhandlungen vor zehn Jahren, die der damalige Präsident nach neuerlichen Anschlägen der FARC abbrach.

Auch der Generalsekretär der Nationalen Kommission für Versöhnung (CCN) in Kolumbien, Dario Antonio Echeverri, warnte im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur vor zu hohen Erwartungen an die heute beginnenden Unterredungen. „Was vor einigen Wochen mit geheimen Gesprächen in Havanna begonnen hat und nun in Oslo fortgesetzt wird, sind keine Friedensverhandlungen, sondern der Beginn einer Suche nach einem Ausweg aus dem bewaffneten Konflikt“, so Echeverri. Er hoffe jedoch, dass der Prozess „in einen sicheren Hafen“ laufe. „Das Land braucht ein solides, konkretes und sehr klares Abkommen.“

Roller der katholischen Kirche

Kolumbiens Kirche verfolgt den sich andeutenden Friedensprozess mit großem Interesse, aber auch mit einem warnenden Zeigefinger. Man dürfe auch die zweitgrößte Rebellengruppe des Landes, die ELN, nicht vergessen, fordert der Erzbischof von Bogotá, Ruben Salazar Gomez. Zudem ist auch das Problem der rechtsgerichteten paramilitärischen Verbände ungelöst, die in den vergangenen Jahren für mindestens ebenso viele Menschenrechtsverletzungen verantwortlich waren wie die FARC.

Trotz aller Schwierigkeiten, die im Laufe der Verhandlungen entstehen könnten, riefen die kolumbianischen Bischöfe die Gläubigen dazu auf, nach jeder Messfeier gemeinsam das Friedensgebet des heiligen Franz von Assisi zu beten. „Wir müssen gemeinsam Skepsis und Verzweiflung überwinden. Als Jünger Christi, des Friedensfürsten, sind wir berufen, unseren Beitrag zur Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Vergebung und Aussöhnung zu leisten, indem wir den Friedensprozess, der nun beginnt, entschlossen begleiten", so die Botschaft der Bischöfe.

Die katholische Kirche wird bei den Gesprächen in Oslo allerdings nicht mit am Tisch sitzen. Ihre Zeit wird kommen, wenn es darum geht, den Friedensprozess in Kolumbien mit Leben zu füllen. Denn die Wunden, die der jahrzehntelange bewaffnete Konflikt gerissen hat, sind tief. Im Anschluss an die bislang geheim geführten Verhandlungen soll es einen runden Tisch geben, an dem alle Kräfte der kolumbianischen Zivilgesellschaft gemeinsam über die Zukunft ihres Landes sprechen. Die nationale Versöhnung wird das nächste große Thema in Kolumbien sein. (KNA/Radio Vatikan/Fidesdienst)

FARC

Die 1964 gegründeten linksgerichteten „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC) kämpften zunächst für die Rechte von Kleinbauern, entwickelten sich dann aber zu einem der größten Drogenkartelle Lateinamerikas. Daneben zählen Waffenhandel, Landvertreibung und Entführungen zu Einnahmequellen der 9.000 Rebellen. In Europa und den USA steht die FARC auf der Liste der Terrororganisationen. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, ehemaliger Verteidigungsminister, setzt gegenüber der FARC auf militärische Stärke, zeigt sich aber zugleich verhandlungsbereit.

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