Venezuela vor den Wahlen

  • Caracas - 05.10.2012

Tote bei Wahlkampfveranstaltungen, blockierte Landebahnen und massive Drohungen: Wenn am Sonntag in Venezuela die Menschen ihren Staatspräsidenten wählen, sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Zur Wahl stehen unter anderen der sozialistische Amtsinhaber Hugo Chávez und der Kandidat des Oppositionsbündnisses, Henrique Capriles. Die jüngsten Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Die Stimmung zwischen den politischen Lagern ist aufgeheizt.

Am vergangenen Wochenende kamen bei einer Wahlkampfveranstaltung des Herausforderers Capriles, zu der in der Chávez-Hochburg Barinas mehr als 50.000 Menschen strömten, zwei Anhänger des gemeinsamen Kandidaten der Opposition ums Leben. Die Emotionen kochen hoch; Vorwürfe eines gezielten Anschlags machten die Runde. Sie passen ins aktuelle Klima – hat Amtsinhaber Hugo Chávez doch schon offen von einem Bürgerkrieg gesprochen, sollten die regierenden Sozialisten die Wahl verlieren.

„Nur Gott wird wissen, wem wir unsere Stimme geben.“

— Erzbischof Kardinal Jorge Urosa Savino
Kardinal Jorge Urosa Savino: "Die Wahl ist frei" Köß/DBK

Kirche ruft zur Ruhe auf

Die katholische Kirche versucht, die aufgeheizten Gemüter zu beruhigen. Die Venezolanische Bischofskonferenz rief die rund 19 Millionen Wahlberechtigten auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und sich auch nicht von ungehörigen Drohungen einschüchtern zu lassen: „Nur Gott wird wissen, wem wir unsere Stimme geben“, so der Hauptstadt-Erzbischof Kardinal Jorge Urosa Savino. Die Wahl sei frei – „und ein Recht, das wir mit Mut und im Einklang mit unserer Überzeugung ausüben müssen“, so der Erzbischof von Caracas. Er forderte die staatliche Wahlbehörde am Donnerstag (Ortszeit) auf, das Ergebnis so schnell wie möglich nach dem Urnengang zu veröffentlichen. „Eine schnelle Bekanntgabe des Resultats trägt zu einem Klima der Beruhigung bei“, erklärte Urosa.

Auch der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Diego Padron von Cumana, erinnerte die Kandidaten an ihre eigentliche Aufgabe: Die Politik müsse „die Ideologien hinter sich lassen und sich auf das Wohl des Landes konzentrieren“. Zumindest bis zum Sonntag wird das ein frommer Wunsch bleiben.

Chavez oder Capriles

Die beiden Kandidaten könnten unterschiedlicher nicht sein: Chávez (58), von einer Krebserkrankung nach eigenen Angaben vollständig genesen, gibt sich angriffslustig, aggressiv und bisweilen drohend. So liebt ihn seine sozialistische Basis. Capriles (40) versucht sich in der Rolle dessen, der das tief gespaltene Land zu versöhnen versucht. Mit moderaten Reformankündigungen will er jenen Venezolanern die Angst nehmen, die einen radikalen Umbruch befürchten.

Das Kalkül des jungen, allerdings auch unerfahrenen Gouverneurs von Miranda ist klar: Ihm sollen wechselwillige Chávez-Anhänger, die enttäuscht sind von Korruption, Gewalt und wirtschaftlichem Stillstand, ihre Stimme geben. Capriles hat einen wahren Wahlkampfmarathon hingelegt. Weil die staatlichen Medien ganz auf Chávez-Kurs eingestimmt sind, wählte der Oppositionskandidat die Ochsentour: Mehr als 250 Dörfer und Städte besuchte Capriles – und wird für seinen unermüdlichen Einsatz mit hohen Umfragewerten belohnt.

Chavez verfügt vor allem in den Armenvierteln Venezuelas über eine starke Machtbasis. KNA

Selbst dass übereifrige Chávez-Anhänger sogar einmal die Landebahn blockierten, um seine Ankunft zu verhindern, brachte ihn nicht aus der Ruhe. Ob es trotzdem zu einem Sieg am Sonntag reicht, steht auf einem anderen Blatt. Denn Chávez verfügt vor allem in den Armenvierteln über eine starke Machtbasis. Sozialprogramme verschaffen ihm Rückhalt. Genau dies kritisierte zuletzt Erzbischof Balthasar Porras: „Wir brauchen Investitionen in eine qualitativ hochwertige Bildung und nicht in Programme, die die Menschen vom Staat abhängig machen, aber sie nicht wirklich voranbringen. In einem Land, das so reich an Erdöl und Erdgas ist, muss eine andere Politik möglich sein“, sagte der Oberhirte von Merida.

Der Ausgang der Wahl hat weit über die Grenzen Venezuelas Bedeutung. Engster Verbündeter ist Kuba, das auf die verbilligten Öl-Lieferungen aus Caracas angewiesen ist. Auch der von Venezuela dominierte südamerikanische Staatenbund ALBA dürfte eine andere politische Ausrichtung erhalten, falls Capriles gewinnt. Sollte das Ergebnis so eng ausfallen wie erwartet, dürften sich beide Lager schwer tun, eine Niederlage zu akzeptieren. Die eigentliche Zerreißprobe steht Venezuela dann noch bevor.

Von Tobias Käufer

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