Muslime laden zum „Tag der offenen Moschee“

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  • Bonn - 02.10.2012

Für Ali Kizilkaya geben sich unerfreuliche Themen derzeit die Klinke in die Hand. Die Beschneidungsdebatte, die Krawalle um das Mohammed-Video oder die Plakataktion des Bundesinnenministers gegen Islamismus erzeugen täglich Schlagzeilen, die der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland (KRM) lieber nicht lesen würde.

„Der Islam wird immer noch von zu vielen Menschen als Problem wahrgenommen, nicht als Teil dieser Gesellschaft“, meint er. Wenigstens am „Tag der offenen Moschee“ an diesem Mittwoch soll das anders sein. Mehr als 600 Moscheengemeinden der vier im KRM zusammengeschlossenen Verbände öffnen ihre Pforten, um mit nichtmuslimischen Nachbarn ins Gespräch zu kommen. „Wir wollen informieren und diskutieren“, sagt Kizilkaya.

„Nur durch ein Aufeinanderzugehen und ein freundschaftliches Miteinander können Missverständnisse und Klischeedenken überwunden werden.“

— Dr. Timo Aytaç Güzelmansur, Leiter von CIBEDO

„Der Aspekt der Begegnung spielt am Tag der offenen Moschee eine ganz besondere Rolle“, unterstreicht auch Dr. Timo Aytaç Güzelmansur, Leiter der christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO. „Ich sehe diesen Tag als eine Möglichkeit, damit in den verschiedenen Stadtvierteln die Menschen, die tagtäglich nebeneinander leben, miteinander ins Gespräch kommen können.“ Nur durch ein Aufeinanderzugehen und ein freundschaftliches Miteinander könnten Missverständnisse und Klischeedenken überwunden werden, so Güzelmansur.

Einladung in die Gebetshäuser am Tag der Deutschen Einheit

Schon zum 16. Mal laden die Muslime in ihre Gebetshäuser ein – stets hochsymbolisch am Tag der Deutschen Einheit. Darin stecken wohl zwei Botschaften: Wir identifizieren uns mit diesem Land, ist die eine. Wir fordern einen gleichberechtigten Platz in dieser Gesellschaft, die andere. Die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft vergleichbar den Kirchen scheiterte bisher an formalen Kriterien des deutschen Religionsverfassungsrechts. So fehlt es dem Staat an klar legitimierten Repräsentanten und einer übersichtlichen Mitgliederstruktur der bis zu 4,3 Millionen Muslime. Große Fortschritte gibt es beim Aufbau islamischer Studiengänge und des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts für muslimische Schüler in mehreren Bundesländern.

Eröffnung der Interkulturellen Woche: Menschen verschiedener Kulturen und Religionsgemeinschaften nehmen an einem Gottesdienst teil. KNA

Mehr als 2.800 Moscheen stehen in Deutschland, oft kaum als solche erkennbar, in Wohn- oder Lagerhäusern gelegen. Doch schon beinahe jede zehnte trägt ein klassisch-islamisches Antlitz, häufig in osmanischer Bauweise mit Kuppel und einem oder mehreren – in der Regel gestutzten – Minaretten. Seit die Bauwelle in den 1990er Jahren begann, erzeugen die repräsentativen Gotteshäuser wie die Religion, für die sie stehen, bei vielen Ängste und Widerstand. Daran konnte der Tag der offenen Moschee als „Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit“ offenbar nur wenig ändern. Umfragen zeigen: Über die Hälfte der Deutschen empfindet Vorbehalte oder gar Abneigung gegen den Islam. „Wir befinden uns in einem sehr langsamen Prozess hin zu einem echten Miteinander“, so Kizilkaya. Ob man es erreichen wird, will er lieber offenlassen.

Diesjähriges Motto: Islamische Kunst und Kultur

Moscheen als Brücken zwischen den Kulturen, der Koran als ewig gültiges Buch und Mohammed als barmherziger Prophet waren Mottos der vergangenen Tage der offenen Moschee. In diesem Jahr geht es um „Islamische Kunst und Kultur“. Ihr Reichtum sei den wenigsten Nichtmuslimen bekannt, sagt der KRM-Sprecher. Vorträge über arabische Literatur und Wissenschaft, türkische und arabische Musikvorführungen und Ausstellungen zu islamischer Kalligraphie und Ornamentik stehen bundesweit auf dem Programm. Dabei geht es den Veranstaltern um mehr als unpolitische Folklore.

Die Fülle und Lebensbejahung islamischer Kultur soll das Klischee vom strengen, weltabgewandten Islam widerlegen. Gleichzeitig betonen die Veranstalter, dass der Koran und das Leben des Propheten Mohammed die Inspirationsquellen der islamischen Kunst und Wissenschaft sind. Wer nur Tausendundeine Nacht sucht, wird also nicht viel verstehen, denn ohne ein bisschen theologisches Interesse bleibt einem die „Welt des Orients“ verschlossen. Diskussionen über die Freiheit der Kunst seien aber willkommen, verspricht Ali Kizilkaya.

Die Gemeinden erwarten auch in diesem Jahr wieder rund 100.000 Besucher. Bei Führungen erklären sie die Grundlagen des Islam und die Funktion der einzelnen Moscheeelemente. Das ehrfürchtige Flüstern, wie man es aus Kirchen kennt, wird die Akustik dabei nicht erschweren: Moscheen sind keine sakralen Dunkelkammern, sondern waren immer auch Treffpunkte des sozialen Lebens, von dem Gebet und Gottesdienst nur ein Teil sind. „Unsere Gäste sollten nur geziemende Kleidung tragen und die Betenden nicht stören“, bitte Kizilkaya. „Ansonsten brauchen sie nichts zu beachten.“

Von Christoph Schmidt

Tag der offenen Moschee

Seit 1997 laden muslimische Gemeinden immer am Tag der deutschen Einheit, dem 3. Oktober, zum Tag der offenen Moschee. In früheren Jahren kamen laut KRM, der Dachorganisation der vier größten Islamverbände, jeweils bis zu 100.000 Besucher bundesweit in die Gotteshäuser. Insgesamt gibt es in Deutschland schätzungsweise 2.800 Moscheen oder Beträume von Muslimen. Mehr Informationen zum Tag der offenen Moschee finden Sie unter

Tag der offenen Moschee

Interreligiöser Dialog

In unserer Themen-Rubrik finden Sie einen Artikel von CIBEDO-Mitarbeiter Matthias Böhm über die Geschichte christlich-islamischer Begegnung, die Gründung von CIBEDO und heutige Aspekte des interreligiösen Dialogs.

Universale Brüderlichkeit

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