Im Senegal leben Christen und Muslime friedlich zusammen

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  • Senegal - 03.01.2018

Etwa 120 Kilometer von Senegals Hauptstadt Dakar entfernt liegt ein besonderer Ort: die Insel Fadiouth. Auf ihren Friedhof sind die Einheimischen besonders stolz. Christen und Muslime liegen hier gemeinsam begraben. Es gibt nur einen Unterschied. Die muslimischen Gräber sind nach Mekka ausgerichtet, die christlichen nicht. Alle Gräber sind von Muscheln bedeckt, Blumen oder Kerzen gibt es kaum.

„Dieser Ort ist einzigartig. Wir wollen ein Beispiel dafür sein, dass Toleranz zwischen den Religionen funktioniert“, sagt der 40-jährige Marcel Ndong, ein einheimischer Christ. Die meisten Einwohner Senegals sind muslimisch, nur gut fünf Prozent sind Christen. Der Senegal gilt als stabiles Land, doch die Region insgesamt ist fragil. Die senegalesische Armee und Polizei haben zum Schutz vor Terroranschlägen zusätzliches Personal eingestellt. Denn islamistische Gruppen versuchen zunehmend, auch im Senegal Anhänger zu finden.

„Bisher funktioniert das Zusammenleben der Religionsgruppen. Der Senegal ist ein vorbildliches Beispiel für gelingenden interreligiösen Dialog“, sagt Islamwissenschaftler Thomas Volk, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung im Senegal leitet. 1960 wurde Leopold Sedar Senghor Senegals erster Präsident nach der Unabhängigkeit. Er war katholischer Christ und stammte, genauso wie Marcel Ndong, aus der Gemeinde Joal-Fadiouth. Mit Senghor habe das gute Verhältnis von Christen und Muslimen begonnen, sagt Ndong.

Alle packen an

Dieses gute Verhältnis zeigt sich auf der Insel Fadiouth: Auch muslimische Kinder besuchen die katholische Privatschule. Als das Dach der Kirche bei einem Sturm beschädigt wurde, hätten nicht nur die Christen, sondern auch die Muslime bei der Reparatur geholfen. „Gerade bauen wir eine neue Moschee, alle packen an“, sagt der gläubige Christ Ndong, der mit einer Muslima zusammen ist.

Christliche oder muslimische Feiertage werden im Senegal gemeinsam gefeiert. „Die Christen sind eine respektierte Minderheit. Wir leben in Freundschaft und Eintracht. Klar, manchmal haben wir auch Probleme mit den Muslimen - es ist wie bei einem Ehepaar. Aber wir versuchen, sie im Dialog zu lösen“, sagt Andre Gueye, der Bischof von Thies.

In Senegals Hauptstadt Dakar halten muslimische Taxifahrer am Straßenrand an, rollen ihren Gebetsteppich aus und fangen an zu beten. Die Straßen vor großen Moscheen werden zum Freitagsgebet gesperrt, damit für alle Gläubigen Platz ist. Der Islam im Senegal ist anders als in den vom Terror überzogenen Staaten in Nahost. Er gilt als besonders tolerant. Geprägt ist er durch die Sufi-Bruderschaften. Die sufistische Auslegung des Islam gilt als moderat und als mystischer Zweig des Islam. Sufisten betonen das friedliche Miteinander und interpretieren den Koran freier. Strenge Muslime bezeichnen den Sufi-Islam oft als Häresie.

IS-Angriffe auf Sufis

Im Senegal gehört fast jeder Gläubige einer der vier großen Bruderschaften an. Sie lebten einen pazifistischen Islam vor, sagt Experte Volk. Und sie sorgen für das Gemeinwohl. Eine Bruderschaft organisiert etwa das Transportsystem mit Bussen in Dakar. „Die Bruderschaften halten die Gesellschaft zusammen und sind ein Puffer gegen Extremismus“, erläutert Volk.

Die Terrormiliz IS griff in den vergangenen Jahren mehrfach Sufisten an. „Das macht uns Angst“, sagt der 52-jährige Mamadou Ndiaye. Auch er ist Anhänger des Sufismus. Inzwischen stellt er im Straßenbild eine Veränderung fest: „Ich sehe öfter komplett verschleierte Frauen, manchmal sogar Kinder. Das gehört nicht zu unserem Islam“, sagt Ndiaye. Er lebt mit seiner Familie in einem Vorort von Dakar. Er berichtet, dass Geldgeber aus Saudi-Arabien bei ihnen im Ort eine große, schöne Moschee gebaut hätten. Dort predigten Imame, die nicht aus dem Senegal stammten. „Deshalb gehen wir nicht hin“, sagt Ndiaye.

„Senegalesische Muslime sind unter Druck von Saudi-Arabien“, bestätigt Volk. Saudi-Arabien baue Moscheen, vergebe Stipendien an junge Senegalesen und schicke Imame. Zudem trete auch der Iran selbstbewusst auf, hätte gerade eine kleine Universität in Dakar eröffnet. „Die Stellvertreter-Auseinandersetzung zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien sehen wir oft. Wir haben aber weniger auf dem Schirm, dass sie auch in Afrika stattfinden kann“, gibt Volk zu bedenken.

Von Barbara Schmickler

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