Dialog erfordert vor allem Vertrauen und Geduld

  • Teilnehmerbericht - 28.06.2016

Der zweite Tag der Jahrestagung Weltkirche ist geprägt von beispielhaften Berichten und lebendigen Zeugnissen. Ich empfinde die Beiträge oft als sehr intellektuell und tiefgründig, obwohl viele der Teilnehmenden im Vorfeld der Tagung wenig mit den theologischen Konzepten des interreligiösen Dialogs vertraut waren.

Prof. Dr. Fadi Daou aus dem Libanon beginnt sein Referat am Morgen mit aktuellen Meldungen über Gewalttaten in seiner Heimat. Der katholische Priester  macht darauf aufmerksam, dass die Gewalt in Syrien überzuschwappen droht. Religionsfrieden und Pressefreiheit sind sichtlich in Gefahr.  

Ich denke daran, dass Rassismus gegen Geflüchtete und die Angst vor Terrorismus in Europa auch hierzulande die Situation verändern und die Nation polarisieren können. Rechtspopulistische Parteien gewinnen dabei an Stärke.

In Folge von veränderten gesellschaftlichen Umständen ist der interreligiöse Dialog im Libanon wie überall auf der Welt dringend geboten. Dr. Nayla Tabbara benennt zwei Werte, die aus dem interreligiösen Dialog hervorgehen können:  eine starke Zivilgesellschaft und ein friedvolles Zusammenleben. Dafür braucht es den Abbau von Vorurteilen und ein partnerschaftliches Eintreten für das Gemeinwohl, wie etwa die Sorge um den Umweltschutz. Die muslimische Theologin aus Beirut beschreibt das konkrete Zusammenspiel von Islam und christlichen Kirchen im Libanon als einen Prozess, bei dem um gemeinsame Werte gerungen wird. Dialog erfordert vor allem Vertrauen und Geduld. Tabbara arbeitet heraus, dass die Akzeptanz der religiösen Vielfalt ein wichtiger Bestandteil des Islams sei und dieses Merkmal den Dialog befördert.

In den Ohren von Marian R., einer jungen Ägypterin, die zurzeit ihren Freiwilligendienst im Erzbistum Paderborn leistet, klingt das wie eine Aussage von Martin Luther King in dessen legendärer Rede „I had a dream“.  Die unterschiedlichen Traditionen und Denkschulen des Islams kommen ohne Zweifel zum Vorschein – auch durch den Beitrag von Pater Sawadogo und seine Erfahrungen aus Mali.  Es zeigt sich, dass der jeweilige Kontext, in welchem der christlich-islamische Dialog stattfindet, entscheidend dafür ist, wie offen und frei gedacht werden kann. In Deutschland ist mit dem Grundgesetz, welches Religionsfreiheit sichert, ein guter Rahmen gegeben.

Der interreligiöse Dialog darf sich nicht nur auf einige wenige Akteurinnen und Akteure beschränken, sondern muss die verschiedenen Bereiche der Zivilgesellschaft einbeziehen, meine ich. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen Kinder und Jugendliche, die berufen sind, die Zukunft zu gestalten. Dazu passt auch ein Beschluss des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Die Hauptversammlung hat im April 2016 dazu aufgerufen, „die aktive Beteiligung junger Menschen anderen Glaubens in katholischen Jugendverbänden als wertvollen Beitrag zu einer friedlichen Welt anzuerkennen“.

Die Adyan-Stiftung, vertreten durch Daou und Tabbar, versucht zum Beispiel, mit Bildungsprogrammen und Kulturaustausch im Bereich der interreligiösen Glaubensspiritualität Spannungen zu lösen und Toleranz zu fördern, damit eine christlich-muslimische Koexistenz gelingt. Sie kooperiert mit Schulen und Behörden.

Die Begegnung mit den „Anderen“ liegt auch den internationalen Freiwilligendiensten zugrunde, welche im Raum der katholischen Kirche bereits eine lange Tradition haben.  Dabei lernen Freiwillige Umsicht und Horizonterweiterung, sie gewinnen durch das Mitleben und –arbeiten in den Projekten Kenntnis der eigenen wie der anderen Religion. Auf diese Weise wachsen Nächstenliebe und Vertrauen.

Nur  so  können  Wege  für  ein  friedliches  Miteinander  in  einer  pluralistischen  Gesellschaft  entdeckt  werden,  und  nur  so  lässt  sich Gewalt und Extremismus entgegenwirken.

Von Esther Henning, BDKJ

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