Wie kann das Konzil fortgeschrieben werden?

  • Teilnehmerbericht - 16.06.2015

Das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor über 50 Jahren war Anlass für die Jahrestagung aller weltkirchlichen Institutionen, der missionarischen Orden, der weltkirchlichen Abteilung der Diözesen und der kirchlichen Hilfswerke, sich darauf zu besinnen, wie sich denn die Konzilsbeschlüsse in den fünf kulturell so verschiedenen Kontinenten ausgewirkt haben.

Die Diskussionen standen unter drei Leitfragen: Vor welchen Herausforderungen steht die katholische Kirche heute? Welche Handlungsfelder sind für die weltkirchliche Arbeit in Deutschland von Relevanz? Und – vielleicht am interessantesten – die Frage: Wie kann das Konzil fortgeschrieben werden? Im Folgenden: Gedanken, Perspektiven und Vorschläge aus dem Afrika-Forum.

Das Konzil und die Welt von heute

Eines der Highlights der Jahresversammlung war für mich der grandiose und gleichzeitig sehr nuancierte Überblick über die großen Themen und Dokumente des Konzils durch Kardinal Koch. Er erinnerte uns, was für eine geistige Revolution das Konzil war und wie es nicht einfach vom Himmel fiel, sondern durch viele Initiativen und Bewegungen über Jahrzehnte vorbereitet war.

Ein kurzes Video über ein Rückkehrer-Seminar von Freiwilligen holte mich wieder in die Wirklichkeit von heute zurück. Die Fragen und Vorschläge dieser engagierten jungen Menschen, die eine Erfahrung von Weltkirche gelebt hatten, aber sich sehr schwer taten, mit der Wirklichkeit unserer deutschen Kirche zurechtzukommen, reflektieren eine ganz andere Welt, als die zur Zeit des Konzils vor 50 Jahren. Der sehr offene und tiefgehende Austausch am Abend hatte für mich fast Modellcharakter, wie wir in der Kirche mit den vielen Spannungen und ungelösten Fragen ehrlich umgehen sollten.

Die Wirkungsgeschichte des Konzils

Welche Veränderungen hat das Konzil in den Kirchen der anderen Kontinente ausgelöst? Das war Thema von vier Foren zu Afrika, Asien, Lateinamerika und Mittel- und Osteuropa. Man muss sich die vorkonziliare Situation vieler Kirchen in Afrika und Lateinamerika vor Augen führen, um zu schätzen welch weiten Weg die Kirche seitdem gemacht hat.

Gläubige halten ein Bild von Oscar Romero in die Höhe - bei dessen Seligsprechung am 23. Mai 2015 in San Salvador. KNA

Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass es in Peru Kirchen gab, in die nur die Mestizen eintreten durften, in der Indigene von einem Balkon aus vor der Kirche belehrt wurden. Das Verständnis des Konzils von Kirche und Mission legte nicht nur die Grundlage für die Arbeit von Befreiungstheologen, sondern auch für eine neue Form von Kirche in Basisgemeinschaften und einigen prophetischen Priestern und Bischöfen, die sich für die Rechte der Urbevölkerung, für die Würde der Armen und den Schutz des Urwalds im Amazonasgebiet einsetzten – ein Engagement, das Viele mit dem Martyrium besiegelt haben. Und wie lange hatte diese Kirche mit Kritikern in der römischen Kurie hart kämpfen müssen, um ihre Option für die Armen leben und theologisch reflektieren zu dürfen, bis ein Papst aus Lateinamerika einen Bischof Romero offiziell selig sprach?

Kirche als Volk Gottes

Im Afrika hatte das Konzil andere Früchte getragen. Der zweite Weltkrieg hatte den viele Afrikanern, die als Soldaten teilnahmen, die erschreckende moralische Schwäche Europas vor Augen geführt und die Sehnsucht nach Unabhängigkeit geweckt. Schon die vorkonziliare Generation afrikanischer Priester träumte von einer eigenständigen Kirche. Die Sicht des Konzils von der Kirche als Volk Gottes (später als Familie Gottes interpretiert) sprach die afrikanische Seele an. Die konziliare Vision von Mission, wunderbar klar formuliert in der Enzyklika Evangelii Nuntiandi von Papst Paul VI., eröffnete die Möglichkeit einer echten Inkulturation der Liturgie, die zwar reiche Früchte trug, aber auch auf andere Bereiche des kirchlichen Lebens ausgeweitet werden müsste. Angesichts der Konflikte in zahlreichen Ländern heute wird Versöhnung eine Schlüsselaufgabe der afrikanischen Kirche.

Eigenständigkeit der Ortskirchen fördern

Die Vorträge und Diskussionsbeiträge des Tages machten sichtbar, wie unterschiedlich in der einen katholischen Weltkirche die gesellschaftlichen und pastoralen Situationen der Ortskirchen sind und eröffneten eine Fülle von Fragen und Perspektiven, Ideen und Vorschlägen. Für die Zukunft der Kirche in diesen Kontinenten scheint mir die Eigenständigkeit der Ortskirchen von herausragender Bedeutung – sowohl theologisch wie praktisch. Die Ortskirchen sind eben „nicht Außenstellen des Vatikans“ und Bischöfe nicht „Kapläne des Papstes.“ Wie kann die Kirche dieser Vielfalt gerecht werden, ohne ihre Einheit zu schwächen? Nur durch eine Dezentralisierung und eine Stärkung der Verantwortungen der Ortskirchen, wie sie Papst Franziskus wünscht, lassen sich Antworten auf so verschiedene Herausforderungen der Evangelisierung finden. Die Eigenständigkeit der Ortskirche ist aber nicht möglich ohne eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Die deutsche Kirche könnte da einen wichtigen Beitrag leisten, z.B. durch Hilfe zum Ausbau einer effizienten Finanzverwaltung.

Bischof Oliver Dashe Doeme schilderte in seinem Vortrag eindrücklich die Folgen des Terrors durch Boko Haram-Kämpfer in Nigeria. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Dialog auf Augenhöhe

Ein immer wiederkehrender Schlüsselbegriff in den Berichten aus den verschiedenen Kontinenten war Dialog und Begegnung auf Augenhöhe. Es ist nötig auf allen Ebenen: zwischen den Kirchen Europas und Afrikas, mit den Afrikanern, die in immer größerer Zahl zu uns kommen, und zwischen ausländischen und deutschen Gemeinden. In diesem Zusammenhang wurde ein Vortrag von Dr. Al-Hussein Zakaria aus Ghana vorgelesen, der leider nicht persönlich an der Tagung teilnehmen konnte. Es war die Geschichte eines aufrichtigen Muslims, der über die Erfahrung einer toleranten, traditionellen Muslimfamilie, einer christlichen Erziehung in der Schule, heftiger Anfeindungen auf der Universität und schließlich über fruchtbare Kontakte mit Ordensschwestern den Weg zur inneren Akzeptanz eines religiösen Pluralismus und zu einem offenen interreligiösen Dialog fand. Das gelebte Zeugnis bewegt mehr als alle Theorie und Theologie.

Die Jahrestagung Weltkirche ist auch immer ein Ort, an dem man über Zeugenberichte aus den Kirchen des Südens ein tiefes Mitgefühl mit den leidenden und verfolgten Christen in anderen Ländern empfindet. Bischof Oliver Doeme erzählte von den Zerstörungen durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in seiner Diözese Maiduguri in Nord-Nigeria. 50 der 52 Kirchen wurden zerstört, 500 Katechisten ermordet, zehntausende Häuser und Geschäfte von Christen zerstört. Und trotzdem strahlte der Bischof eine Zuversicht und ein Gottesvertrauen aus, von dem wir uns mit unseren relativ kleinen Problemchen eine ganze große Scheibe abschneiden können.

Von P. Wolfgang Schonecke, Netzwerk Afrika Deutschland

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