Melodie des Glaubens

  • Teilnehmerbericht - 17.06.2015

Melodie des Glaubens – so könnte man den letzten Tag der Jahrestagung überschreiben, denn wir begannen mit dem Morgenlob, gestaltet von der Deutschen Ordensobernkonferenz DOK, wo kräftiges Orgelspiel und unsere Stimmen sich zum Lob Gottes erhoben. Wären nur immer so viele gute und begeisterte Sänger in einem Gottesdienst!

Danach wurden die Ergebnisse aus dem Forum des Vortages präsentiert, in dem Schwester Dr. Birgit Weiler, Missionsärztliche Schwester aus Peru, über die Wirkungsgeschichte des Zweiten Vatikanums in Lateinamerika sprach. Dabei wurden die spirituellen Ressourcen der indigenen Bevölkerung, die eine sehr enge Bindung zur Mutter Erde und zur Natur hat, hervorgehoben.

Auch das Stichwort „desplazamiento“ fiel, wobei das „desplazamiento forzado“, also das erzwungene Weggehen, die Vertreibung oder Flucht bedeutet. So gibt es in Peru bereits Umweltflüchtlinge, die z. B. wegen eines zu hohen Bleigehaltes in ihrem Körper, der durch den Bergbau verursacht wurde, ihre Stadt verlassen müssen. Das „desplazamiento libre“ hingegen, also der frei entschiedene Weggang, meint etwas ganz anderes und bietet eine große Chance zum Dialog. Das geschieht, wenn wir hinausgehen zu den Menschen, die an den Randgebieten leben.

Schwester Dr. Birgit Weiler sprach über die Wirkungsgeschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils in Lateinamerika. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Eine Frage der Haltung

Schwester Birgit, die mit verschiedenen indigenen Völkern im Amazonastiefland arbeitet, bezeichnete die Haltung, mit der man den Menschen dort begegnet, als ausschlaggebend. Kommt man in der Haltung der Conquista, der Eroberung, oder des Respekts? Will ich Jagd auf Schätze machen? Damit sind nicht nur die Schätze der Erde gemeint, sondern auch die inneren Schätze und Werte der Menschen, die wir erobern wollen. Oder komme ich als „bella“ persona, uneigennützig, offen, mit Wertschätzung und Respekt?

Höhepunkt dieses Vormittags war das Referat, eigentlich mehr eine theologische Meditation, von Prof. Dr. Tomáš Halík, Soziologe, Philosoph, Psychologe und katholischer Priester aus Prag. Mit klaren Worten, manchmal auch humorvollen Pointen, nahm er uns schnell in seinen Bann und hatte – wenn nicht irgendwo immer wieder Flaschen unter den Stühlen umfielen – eine aufmerksame Hörerschaft.

Kirche in der „Mittagskrise“

Beeindruckt war ich von seiner bildlichen Sprache. Er verglich unser Verhältnis zur Kirche mit einem Ehegelöbnis, Zusammenstehen in guten und in schlechten Zeiten, oder auch mit dem Leben von uns Menschen, das dem Tag ähnlich sei. So arbeiten wir am Vormittag am Ausbau unserer Karriere und kommen am Mittag in die sogenannte Mittagskrise. Hier gelangen wir wie an eine Weggabelung und müssen uns ganz einfach entscheiden, welchen Weg wir weitergehen. Der Nachmittag ist dafür gedacht, zu verbessern, zu vertiefen, vielleicht auch Abstand zu gewinnen, um klarer sehen und in die Tiefe gehen zu können. Die Kirche steht seiner Meinung nach erst noch in der Mittagskrise und sucht nach neuen Wegen. Bisher wurde viel Zeit verschwendet für institutionelle Strukturen, für immer wieder neue Reformen eben dieser Strukturen. Aber es ist höchste Zeit, im Dialog dem Evangelium ein glaubwürdiges und begeisterndes Gesicht zu verleihen.

Dwellers und Seekers

Da gibt es Gewohnheitsgläubige („dwellers“), deren Zahl stark abnimmt, aber auch die Zahl der Atheisten nimmt ab. Die Zahl der Suchenden („seekers“) hingegen nimmt stetig zu.

Prof. Dr. Tomáš Halík hinterließ bei den Tagungsteilnehmenden einen bleibenden Eindruck. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Der Glaube ist ein Weg, ein Prozess und auch Ungläubige können die Melodie des Glaubens vernehmen. Frage des Referenten an einen Atheisten: Wie sieht der Gott aus, an den du nicht glaubst? Wir sind alle Suchende, die Gläubigen und die Ungläubigen, und nur Gott kann diese zwei Gruppen unterscheiden. Glauben und nicht glauben spielt sich im Herzen ab. Wahrheit ist ein Buch, das bis jetzt kein Mensch zu Ende gelesen hat.

Gott allein ist die Wahrheit

Wir brauchen Geduld mit Gott, die in Glaube, Hoffnung und Liebe sich äußert. Wir müssen die Schweigsamkeit Gottes aushalten, nicht resignieren. Wenn wir keine Geduld haben, sind wir wie die religiösen Enthusiasten, die ihre Zweifel mit lauten Hallelujarufen zu übertönen versuchen oder mit ständigem Wiederholen gewohnheitsmäßiger Sätze.

Die Liebe ist langmütig, so heißt es im Hohen Lied der Liebe. Geduld zeigt sich in Ausdauer, so wie sie viele Pilger beweisen, da gibt es kein Rennen und Hasten, und Pilger gibt es in allen Religionen. Wir alle haben Zweifel, aber wir dürfen dadurch nicht resignieren, denn unsere Zweifel, unsere Schatten projizieren wir auf andere. Haben wir Mut mit der „Wolke des Geheimnisses“ zu leben und offene Fragen auszuhalten. Nur so werden wir zu Salz der Erde und haben die Fähigkeit, weiter zum Kern des Glaubens vorzudringen.

Der Vortrag von Prof. Dr. Tomáš Halík hat nicht nur mich sehr nachdenklich gemacht, vielleicht auch ein wenig sprachlos. Gerne hätte ich mehr von Prof. Dr. Halík gehört, leider war die Zeit dafür zu kurz.

Ich komme immer wieder gerne zu diesen Tagungen. Dieses Mal fiel mir die große Offenheit, das herzliche Miteinander, die Fröhlichkeit besonders auf, vielleicht auch weil mir vieles vertraut war. Ich hoffe, dass ich einige der Impulse umsetzen kann, für mich, aber dann auch für andere.

Herzlichen Dank für diese Tagung!

Von Inge Auer, Erzbistum Freiburg

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