„Lust auf mehr!“

  • Teilnehmerbericht - 15.06.2015

Etwa 130 Teilnehmer aus den deutschen Bistümern, den in der Mission engagierten Orden, den kirchlichen Werken, der Bischofskonferenz und aus Bildungseinrichtungen kamen heute einmal mehr mit Gästen aus aller Welt zu ihrer Jahrestagung in Würzburg zusammen. Traditionell begann diese auch heuer mit einer Mischung aus Wiedersehensfreude alter Bekannter und dem Kennenlernen derer, denen man bisher nicht begegnet war.

Dass für Christen Spiritualität und Solidarität – so der Titel der Tagung – untrennbar miteinander verbunden sind, machte Erzbischof Dr. Ludwig Schick schon in seiner Begrüßungsansprache deutlich: Der Geist Christi inspiriere zur Solidarität, die ihrerseits wieder auf die Spiritualität zurückwirke. Das Zweite Vatikanische Konzil – dessen Rolle für die Weltkirche im Zentrum der Tagung steht – habe den Horizont der Kirche auf alle Völker geweitet, die zuvor vor allem als Objekte der Mission im traditionellen Sinn wahrgenommen wurden.

Schwester Elisabeth Biela schildert in einem eindrücklichen Vortrag ihre persönlichen Verbindungen zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Przybylski / weltkriche.katholisch.de

Mission ist heute mehr als „Seelen retten“

Eindrücklich berichtete Sr. Elisabeth Biela von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Konzil. Sie beschrieb ihre Erlebnisse und Gedanken als eine befreiende und auch beglückende Erfahrung, aber auch als Konfrontation mit schwierigen Anfragen und Umbruchssituationen – die älteren unter den Tagungsteilnehmern erkannten offenbar Vieles aus eigenem Erleben wieder, für die jüngeren war es ein lebendiges und authentisches Glaubenszeugnis. Wichtig aus Perspektive des Tagungsthemas sei der Impuls des Konzils, der auch für das heutige Verständnis von Mission zentral ist: Mission sei heute mehr als „Seelen retten“, es sei die Begegnung mit Menschen in der Suche nach Gott und dem tieferen Sinn des Lebens. Sr. Elisabeth rief die Teilnehmer auf, in Erinnerung an den „Katakomben-Pakt“ des Konzils einen „Himmelspforten-Pakt“ für eine arme und dienende Kirche zu schließen: „Gehen wir als Kirche ganz einfach zu den Menschen hin!“

Mit besonderer Spannung erwartet wurde der Impulsvortrag von Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen und ausgewiesener Kenner der Konzilstexte. Der „rote Faden“ seines Vortrags und der anschließenden Diskussion war das Ringen um das Verhältnis von Tradition und Reform – in den Konzilstexten und bis heute in der Rezeption des Konzils, die der Kardinal für noch lange nicht abgeschlossen hält.

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, war als Referent zur Tagung eingeladen. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Die Spannung zwischen „Aggiornamento“ und „Ressourcement“, zwischen dem Beziehen des Evangeliums auf die Gegenwart und dem Rückgriff auf die Quellen des Glaubens, präge die Kirche bis heute. Der Glaube und die Verantwortung für die Welt gehörten untrennbar zusammen. Kardinal Koch erinnerte noch einmal an die Weltbischofssynode von 1985, die den Geist des Konzils und seiner Dokumente in einer prägnanten Formel zusammenfasste: „Die Kirche unter dem Wort Gottes feiert die Geheimnisse Christi zum Heil der Welt.“

Einheit und Vielfalt in der Weltkirche

In einem anschließenden Podium, das neben Kardinal Koch durch Weihbischof em. Leo Schwarz, Prälat Bernd Klaschka (Adveniat) und wechselnden Teilnehmern aus dem Plenum bestritten wurde, wurde noch einmal intensiv über die Frage des Verhältnisses von Einheit und Vielfalt in der Weltkirche diskutiert. Dabei wurde noch einmal der besondere Wert des einigenden Papstamtes deutlich, der die Katholische Kirche bisher von einer Zersplitterung in (nationale) Kirchen bewahrt, die den Protestantismus und die Orthodoxie kennzeichnen. Diese Zersplitterung birgt nach Einschätzung von Kardinal Koch auch neue Gefahren, etwa die einer Re-Nationalisierung. Besorgt zeigten sich viele Teilnehmer über den wachsenden Widerstand gegen die Erneuerung der Kirche durch Papst Franziskus.

Ein zweiter Diskussionsfaden beschäftigte sich mit der Rolle der Rückkehrer aus kirchlichen Freiwilligendiensten im Ausland. Ein Film über diese jungen und engagierten Menschen machte Mut für die Zukunft weltkirchlicher Arbeit – wenn auch eine gewisse Ratlosigkeit bei der Frage zu spüren war, welche Anknüpfungspunkte diese jungen Erwachsenen in den deutschen Bistümern, Gemeinden und Orden finden können. Große Zustimmung fand die Überlegung, für sie Orte zu schaffen, an denen sie ihre Erfahrungen austauschen und in Beziehung zur weltkirchlichen Arbeit anderer Gruppen treten können.

Nach diesen vielen Eindrücken und Diskussionen tat es gut, dass in einem abschließenden geistlichen Tagesrückblick Gelegenheit war, diesen Tag noch einmal gemeinsam vor Gott zu bringen.

Kurz und gut: Der erste Tag machte Lust auf mehr!

Von Dr. Christian Müller, Katholisch soziale Akademie Franz Hitze Haus (Münster)

© weltkirche.katholisch.de