Zur positiven Überforderung christlicher Weltbürger

  • Teilnehmerbericht - 17.06.2014

Auf der Jahrestagung „Weltkirche und Mission“, die unter dem Titel „Entwicklung in Nord und Süd – Ziele bestimmen, Zukunft gestalten“ in Würzburg stattfindet, trifft sich zurzeit das Who’s Who der deutschen weltkirchlichen Arbeit. Auf dem ambitionierten Programm steht nicht nur die Klärung der Sachlage rund um die gegenwärtigen politischen Prozesse, die zu einer neuen Entwicklungsagenda führen sollen. Vielmehr soll eine (Selbst-)Vergewisserung der kirchlichen Position stattfinden, um bei der Verabschiedung einer „Post-2015-Entwicklungsagenda“ aktiv und bestimmend mitwirken zu können.

Dass es einer solchen kirchlichen Aktivität unbedingt bedarf, ging aus den Beiträgen der heutigen Referenten deutlich hervor: Professor Michael von Hauff, Volksökonom an der Technischen Universität Kaiserslautern, nannte das Beispiel einer lobbyistischen Einflussnahme der Industrie auf politische Entscheidungsprozesse in Deutschland, die eigentlich zu einer Weiterentwicklung von Standards für eine nachhaltige Entwicklung führen sollten. Dadurch wurde eine Relativierung des wirkmächtigen Indikators „Bruttoinlandsprodukt“ (BIP) verhindert, der die Programmatik der „nachhaltigen Entwicklung“ einseitig auf neoklassische Wachstumsszenarien reduziert. Man sieht hieran, dass die Vereinbarung eines vernunftgeleiteten Folgeabkommens für die UN-Millenniumsziele durch die massive Einflussnahme interessengeleiteter Gruppierungen gefährdet ist, was zugleich auch jede Vorstellung einer demokratischen Partizipation auf den Kopf stellt.

Roman Beck ist Mitarbeiter im Institut für Weltkirche und Mission an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a. M. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Menschenrechte als zentrales Fundament der künftigen Entwicklungsagenda

Dem hat die katholische Kirche – wie aus den weiteren Beiträgen hervorging – doch so einiges entgegenzustellen, und zwar sowohl qualitativ als auch quantitativ: Professor Michael Reder von der Hochschule für Philosophie in München verwies auf die Menschenrechte, die mit den Dimensionen der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Partizipation ein zentrales Kriterium für die Bestimmung neuer MDGs und SDGs darstellen können. Obgleich die Menschenrechte in unserem heutigen Verständnis einem kontingenten Entstehungsprozess unterworfen waren, der nicht ohne zahlreiche Unrechtserfahrungen verständlich wird, ist mit ihnen ein universaler Geltungsanspruch verbunden. Aus christlicher Perspektive rekurriert dieser Geltungsanspruch auf der Vorstellung der Gottebenbildlichkeit aller Menschen.

Kirche als Global Player

Neben diesem qualitativ unterscheidenden Kriterium kann die Kirche auch quantitativ eine „korrektive“ Einflussnahme auf die Neuformulierung der UN-Entwicklungsziele geltend machen: Sie ist eine globale Institution, die auf ein feingliedriges Netzwerk motivierter (welt-)kirchlicher Akteure zurückgreifen kann, was man in Würzburg sehr deutlich sehen konnte. Die Aktivitäten der Kirche für eine nachhaltige Entwicklung sind bereits heute weit gespannt und reichen von der Finanzierung afrikanischer Bildungseinrichtungen bis zur Etablierung von Fair trade-Verträgen beim Import von Lebensmitteln aus Lateinamerika.

Es ist nun also an der Zeit, diese Aktivitäten zu bündeln und die eigenen kirchlichen Vorstellungen einer nachhaltigen Entwicklung, die sich in der Sprache der Menschenrechte ausdrücken lassen, in die Weltpolitik einzubringen. Und mit der Weltpolitik – so darf man im Zeitalter der Globalisierung wohl sagen – lässt sich bereits in Wanne-Eickel oder in Deggendorf beginnen. Eine zugegeben unbequeme Einsicht, die die Jahrestagung 2014 (wieder einmal) ins Bewusstsein brachte.

Von Roman Beck, Institut für Weltkirche und Mission

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