Entwicklung braucht Orientierung

  • Teilnehmerbericht - 16.06.2014

Entwicklung in Nord und Süd – Ziele bestimmen, Zukunft gestalten“ so lautet das Thema der 3. Jahrestagung der Konferenz Weltkirche, die heute in Würzburg eröffnet wurde. Mit der Wahl dieses Themas leistet die Tagung einen Beitrag zur aktuellen Debatte um eine zukünftige Entwicklungsagenda, die im Zugehen auf das Jahr 2015, der Zielmarke der UN-Millenniumsentwicklungsziele, weltweit geführt wird.

Dass es bei der künftigen Agenda nicht einfach um eine Fortschreibung der Ziele in der bisherigen Logik gehen kann, machte Msgr. Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor, in seinem Eröffnungsstatement deutlich: „Es braucht einen ‚Auf-Bruch‘. Womit müssen wir brechen, damit gutes Leben – eine Zukunft für alle Menschen möglich wird?“ Es reiche nicht einfach aus, den Süden zu verändern oder den Norden – es brauche eine gemeinsame Veränderung zugunsten aller, stellte Spiegel fest und unterstrich die ethischen Dimensionen dieser Fragestellung, zu der die Kirche einen wichtigen Beitrag leisten könne, denn „Entwicklung braucht Orientierung“.

Wo stehen wir in der internationalen Debatte?

Dr. Imme Scholz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik gab in ihrem Eröffnungsreferat Einblicke in die vielfältigen Fragestellungen und auch Streitpunkte, die die internationalen Überlegungen zu einer Post-2015-Agenda prägen: Wie kann es gelingen, Entwicklung zu fördern ohne den Ressourcenschutz zu vernachlässigen? Wo braucht es verstärkt globale Einigungen und wo reicht lokales Management? Was bedeutet die Forderung einer „Kultur des Maßhaltens“ für die, deren Lebensverhältnisse relativ gesichert sind und was für die, die nicht genug zum Leben haben?

Dr. Imme Scholz, stellv. Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, gab einen umfangreichen Einblick in die internationale Debatte um die künftige Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsagenda. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Engagiert mahnte die Referentin an, die seit der Beschreibung der Millenniumsziele veränderten Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, wie etwa eine Umverteilung wirtschaftlicher Macht durch die rasanten Entwicklungen in China oder Indien oder die signifikanten Steigerungen von Direktinvestitionen von Entwicklungsländern in Entwicklungsländern. Entscheidend sei auch, dass eine künftige Agenda nicht primär oder gar ausschließlich entwicklungspolitisch verortet sein dürfe – vielmehr erfordern künftige Entwicklungsziele ressortübergreifende Perspektiven und Anstrengungen.

Agrarkultur versus modernisierte Mega-City

Auf dem Hintergrund jahrzehntelanger pastoraler Erfahrungen in Lateinamerika skizzierte anschließend Bischof Dr. Norbert Strotmann aus der Diözese Chosica im Osten der peruanischen Hauptstadt Lima sein Verständnis von Entwicklung. Er stellte die Lebensbedingungen auf dem Land in einer Agrarkultur, wo „man sich kenne und von und mit der Natur lebe“, denen in der Großstadt gegenüber, die von Anonymität und Unübersichtlichkeit geprägt sei. Die große Mehrheit der Menschen in Chosica habe einen Migrationshintergrund und kenne beide Welten. Die karge Situation auf dem Land, aber auch das „Attraktivitätspotential“ der modernen Gesellschaft habe sie in die Großstadt gezogen.

Bischof Norbert Strotmann: „Wir möchten Spitze-sein im Da-sein für andere.“ Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Wichtig ist dem Bischof, dass die Wertigkeit des Menschen nicht von seiner Entwicklungssituation abhänge. Vielmehr realisiere sich der Lebenssinn erst im Dienst am Nächsten und so sei Entwicklungsarbeit für ihn selbstverständlich Teil der Pastoral. Kirche müsse immer mehr ein gesellschaftlich relevanter Gesprächspartner werden und nicht nur mit binnenkirchlicher Perspektive auf sich selbst schauen, so Strotmann. „Wir möchten Spitze-sein im Da-sein für andere.“ bringt er diese Perspektive abschließend auf den Punkt.

Wie schon in den letzten Jahren folgt auch diese Tagung dem bekannten Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“. Zum ersten Schritt lieferten die Beiträge dieses Tages eine solide und zugleich engagierte Grundlage, die sich der Herausforderung und Notwendigkeit eines großen Agenda-Entwurfs stellt. Zugleich wurden aber auch die kleinen und lokalen Schritte, an denen sich nicht minder die Zukunftsfähigkeit eines solchen messen lassen muss, nicht vernachlässigt.

Auf diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage „Wie sind Sie denn nach Würzburg angereist?“, mit der ich zu Beginn der Veranstaltung begrüßt wurde, eine tiefere Bedeutung, weist sie doch bereits auf den Schritt des Handelns hin: So ist die Klimakompensation dieser Tagung von Anfang an fest eingeplant. Eine gute Entscheidung des Tagungspräsidiums, die ich gerne mittrage und auch vielen anderen kirchlichen Veranstaltungen wünsche, die diesen Aspekt meiner Erfahrung nach noch zu oft vernachlässigen. Und so machen die Beiträge und Akzente dieses Tages neugierig auf die weitere Diskussion und die notwendigen großen und kleinen Handlungsimpulse, die am Ende der Veranstaltung stehen sollten.

Von Andrea Tröster, Missio-Diözesanreferentin, Trier

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