Der Mensch in der Mitte

  • Würzburg - 18.06.2014

Da die Tage des Zuhörens, Nachdenkens, Austauschen sehr kompakt waren, macht sich an diesem letzten Morgen schon eine gewisse Müdigkeit bemerkbar. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen lassen sich dennoch nicht entmutigen, denn mit Neugier und Spannung erwarten sie die Berichte der fünf Arbeitsgruppen.

Werden wir etwas ganz konkretes beschließen? Wer Spektakuläres wie Demos, medienwirksame Auftritte usw. erwartet, wird enttäuscht. Allerdings zieht sich ein goldener Faden durch alle Berichte: Angesichts der Millionen Menschen (auch in unserer Gesellschaft), denen das tägliche Brot, das Recht auf Arbeit, ein gerechter Lohn, das Recht auf Gesundheit, in einer vom Überfluss gezeichneten Welt verwehrt ist, müssen wir als Christen und Christinnen immer wieder darauf verweisen, was Jesus getan hat: ER STELLTE DEN KRANKEN, DEN AUSGESTOSSENEN, DEN ARMEN IN DIE MITTE! Nur wer das tut sieht den Menschen an und erkennt, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben in Fülle hat und wir zum Umdenken unseres eigenen Lebensentwurfs und Lebensstils aufgerufen sind.

Post-2015: Wie geht es weiter?

Eine-Welt-Engagierte erklären, welche Entwicklungsziele dringend auf die globale Agenda müssen.

weltkirche.katholisch.de

Es wird in den Gruppen als Herausforderung und Ohnmacht gleichzeitig erfahren und unterstrichen, dass globales Handeln das lokale Handeln voraussetzt oder beides zumindest Hand in Hand geht. Wir stehen auf zwei Beinen: dem globalen und dem lokalen. Dieses Spannungsfeld wird von allen wahrgenommen. Während globale Ziele in der Entwicklungspolitik Vielen als zu abgehoben erscheinen, sind die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich einig, dass lokale Ziele – und sei es nur in kleinen Schritten der Solidarität, der Bewusstseinsbildung und Zeichen – für viele Menschen umsetzbar sind.

Nur ein Thema sei herausgegriffen: Hunger? Wen schockiert es nicht, wenn er hört, dass unsere Lebensmittel tonnenweise im Abfall verschwinden, während Millionen Menschen den Hungertod sterben? Wem gibt es nicht zu denken, wenn anstelle von Nahrungsmitteln für die Menschen Felder bebaut werden, aus dessen Produkten Biosprit hergestellt wird, während die Bevölkerung enteignet wird und hungert? Wer kann mit ruhigem Gewissen zuschauen und hinhören, dass Millionen Menschen keinen Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung haben?

Nein, lamentieren wollen wir nicht, sondern aktiv Schritte gehen:

 

  • bäuerliche Landwirtschaft fördern und aufbauen helfen,
  • gegen Landraub (Landgrabbing) aufstehen,
  • Klimapolitik weiter verfolgen,
  • in allen Zielen der Entwicklungsagenda das fördern und unterstützen, was das Allgemeinwohlwohl, also den Menschen, als oberstes Ziel im Auge behält,
  • Transformation eigener Lebenswelten, d.h. unser Konsumverhalten reflektieren und ändern,
  • Allianzen mit anderen suchen, denn alleine können wir nichts bewirken,
  • meine Einstellung zum persönlichen Wohlstand überprüfen: Wenn für 98 Prozent der Deutschen Gesundheit das höchste Gut ist, dann auch für 98 Prozent des Rests der Menschheit.

 

Das Fazit des Austauschs über die Resultate der Gruppenarbeiten ist:

Wir können nicht schweigen. Wir müssen uns selbst-verpflichten: etwas zu verändern, mit Politikern in unseren Wahlkreisen ins Gespräch zu kommen, uns zu vernetzten, die katholische Soziallehre auf allen Ebenen bekannt zu machen und voranzubringen. (Ein Teilnehmer wagte die These: Wenn wir alle die Soziallehre und das Evangelium umsetzten, dann sind alle Probleme gelöst.)

Bei der Präsentation der Workshop-Ergebnisse: Misereor-Chef Pirmin Spiegel zeigt dem Hunger die rote Karte. Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Wir brauchen weniger Konzeptpapiere sondern: Wir müssen ANFANGEN – AUFBRECHEN –LOSLASSEN: EINTRETEN IN EINEN Prozess der Leben fördert, wagen neue Wege zu gehen und auch in Kauf nehmen, dass wir umkehren müssen, wenn denn der Weg sich als falsch erweist, aber wir müssen AUFBRECHEN:

Zu diesem Aufbrechen wird der ganz konkrete Vorschlag gemacht, dass wir uns an dem Pilgerweg von Flensburg nach Paris zur Klimakonferenz 2015 beteiligen. Kreativität ist da gefordert. Alle Teilnehmenden stimmen diesem Vorschlag als konkretes Zeichen – auch der Ökumene – zu.

Für mich ist es ermutigend und eine große Herausforderung, mich selber neu mit anderen auf den Weg zu machen, auf den Weg für: Leben in Fülle für alle, nach dem Beispiel Jesus: ER STELLTE DEN MENSCHEN IN DIE MITTE!

Zum Abschluss fasste Erzbischof Ludwig Schick die Tagung in einigen Worten zusammen:

„Wie geht es weiter?“ ist seine Frage. Wohin wollen und müssen wir aufbrechen? Er lädt uns ein, nicht zu vergessen, dass wir auch neu bedenken müssen, was wir behalten wollen an Erprobtem: der ökumenische Prozess, die vielen Gespräche, die die Deutsche Bischofskonferenz immer wieder mit Politikern führt, ein gutes Verhältnis zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) u. v. m. Er ruft uns auf, uns immer wieder Mut zu machen und nicht zu vergessen, dass das Reich Gottes im Kommen ist. Bleiben wir am Ball. Er warnt davor, zu oft aufbrechen zu wollen und darüber das Bleiben zu vernachlässigen, denn: „Wer immer nur aufbricht wird nie ans Ziel kommen“. Zum Schluss ermutigte Erzbischof Schick dazu, die Ergebnisse der fünf Gruppen zu bedenken, zu fokussieren, zu verfolgen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Er ermutigte auch, die Idee des Pilgerwegs zu verfolgen und Allianzen zu schmieden.

Von Sr. Elisabeth Biela, Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika

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