Homo homini lupus est?!

  • Würzburg - 31.05.2013

Die Teilnehmenden der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 zum Thema “Die Sklaverei ist nicht vorbei – Menschenhandel heute bekämpfen” wollen das Spiel des Menschenhandels nicht mehr länger mitspielen. Der Mensch ist nicht des anderen Menschen Spielball.

„Be the change you want to see in society.” (Sei du selbst die Veränderung, die du dir für die Gesellschaft wünschst.) Diese Worte Mahatma Gandhis gab Marita Ishwaran den Teilnehmenden am Ende der Tagung „Weltkirche und Mission“ mit. Sie war eine der Frauen, die mit ihrem Erfahrungsbericht über Formen des Menschenhandels das Schicksal der Betroffenen ins Bewusstsein der Teilnehmenden einbrannte.

„Be the change you want to see in society.“

— Mahatma Gandhis

Sehen- Urteilen-Handeln

„Urteilen“ – ohne zu Verurteilen – war die Herausforderung des zweiten Tagungsschrittes im Dreischritt „Sehen- Urteilen-Handeln“. Das abscheuliche Spiel mit der Ware Mensch kann nur mit viel Sensibilität der verschiedenen Akteure im Kampf gegen den Menschenhandel ein Ende finden. Viele Ausprägungen hat das Spiel, das andere Menschen zum Objekt degradiert: Zwangsprostitution, Arbeitskraft-Ausbeutung, Organhandel, erzwungene Bettlertätigkeit, etc. Die von Menschenhandel Betroffenen sind Menschen in Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen. Doch sie sind mehr als nur „Opfer“. Es sind Personen mit Würde. Ausbeuter, Machtbesessene und schiefe menschengemachte Strukturen treten ihre Würde mit Füßen. Dramatisch ist, dass vielen Betroffenen nicht bewusst ist oder viel zu spät bewusst wird, welches Verbrechen an ihnen verübt wird.

Magdalena Birkle ist Missio-Diözesanreferentin im Erzbistum Paderborn weltkirche.katholisch.de

Das weltweite Spiel mit der Ware Mensch hat viele Spielwiesen, geschieht versteckt und allzu oft vor unseren Augen durch unser Mittun oder Nichtstun. Die bettelnde Frau mit ihrem schlafenden, unter Drogen stehenden Kind im Arm ist „Spielfigur“ organisierter Bettlerkriminalität. Im Hinterhalt: der Spieler, der den Gewinn allein sich selbst zuschreibt.

Das Spiel mit der Ware „Mensch“

Die Metapher „Spiel“ verharmlost die brutale Realität des Menschenhandels. Dabei machen „gute Miene zum bösen Spiel“ nicht nur die kriminellen Menschenhändler. Ein jeder und eine jede ist mitverwickelt in das Spiel, das auf dem Feld eines zerbrechlichen Weltsystems ausgetragen wird, das verleitet, erbarmungslos die Spieler in Gewinner und Verlierer zu kategorisieren.

Dr. Norbert Cyrus vom Hamburger Institut für Sozialforschung gelang es, das böse Spiel mit der Brille des nüchternen Blicks zu betrachten, ohne die Kraft der Mobilisierung gegen dieses Unrecht zu schwächen. Die Schutzmaßnahmen für die Ausgebeuteten greifen nur an der Spitze der Pyramide. Die Identifizierung der Ausgenutzten im bösen Spiel mit guter Miene ist schwer.

„Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen“

Erzbischof Schick über Menschenhandel und Zwangsprostitution.

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Die Botschaft vom „Leben in Fülle für alle“ (Joh 10,10) sprengt die Logik des Spiels zwischen Gewinnern und Verlieren. Prof. Dr. Ottmar Fuchs von der Universität Tübingen modellierte das Bild des liebenden und zuvorkommenden Gottes. Es ist keine Vorleistung zu erbringen, um als Mensch angenommen zu sein als Gottes Geschöpf. In dieser Erfahrung liegt die Kraft der Befreiung für in den Menschenhandel verfangene Täter und Opfer. Das düstere Spielfeld der verschiedenen Formen des Menschenhandels ist Ort der Theologie. Im Engagement der verschiedenen Akteure gegen den Menschenhandel konkretisiert sich der christliche Glaube.

Konkretes Handeln

Im dritten Tagungsschritt sollen Richtungen für konkretes Handeln eingeschlagen werden. Die Spielzüge des Menschenhandels müssen offengelegt werden. Die Tagungsteilnehmer und geladenen Experten wollen diesem Mechanismus auf die Schliche kommen, der Spieler zu Spielfiguren verkümmern lässt. Fünf Akteure, die in Verbindung stehen mit unmittelbar in den Menschenhandel Verwickelten, trafen sich mit den Tagungsteilnehmern zu Arbeitsgruppen:

  • Ursula Gräfin Praschma, Abteilungsleiterin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg
  • Monika Hartenfels, Geschäftsführerin von SOLWODI, Boppard, und Renate Hofmann, Leiterin der SOLWODI-Beratungsstelle, Bad Kissingen
  • Bernd Brinck, Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt Bayern, München
  • Juliane von Krause, Geschäftsführerin „STOP dem Frauenhandel“ in München, und Burkhard Haneke, Geschäftsführer von Renovabis, für das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, Bayern
  • weltkirchliche Gäste der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013

Gemeinsamer Austausch über das Abschlussdokument im Plenum. weltkirche.katholisch.de

Vehemente Stimmen und bedachte Worte vereinten anschließend die Erkenntnisse der Arbeitsgruppen im Podiumsgespräch mit Dr. Christian Klos, Leiter des Referats Ausländerrecht im Bundesministerium des Inneren. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen verliehen zum Beispiel einer in der Prostitution tätigen, nun schwangeren jungen Frau, ihre Stimme. Nach der Offenlegung des an ihr verübten Verbrechens muss sie perspektivenlos in ihr Heimatland zurückkehren. Die engagierten Frauen nannten die Schicksale beim Namen und deuteten auf Schwachstellen im Deutschen Asyl- und Aufenthaltsrecht.

Die Abschlusserklärung

Entschlossene Worte und konkrete Forderungen flossen in eine Abschlusserklärung , die die Tagungsteilnehmenden gemeinsam am dritten Versammlungstag verabschiedeten. In den Text der Erklärung verwoben ist das Anliegen der Teilnehmenden, auf politischer Ebene herrschende Spielregeln zu überdenken, die Menschenhandel begünstigen. Hinter den Forderungen steht die Betroffenheit über jedes würdevolle Gesicht, das die Maske eines bösen Spiels tragen muss und seiner Selbstbestimmung beraubt wird. Sie sind verbunden mit der Aufforderung, ein faires und gerechtes Spiel zu spielen und dem Menschenhandel entgegenzuwirken.

Marita Ishwarans Worte und ihr Aufruf, selbst die Veränderung zu sein, waren ein mächtiger Impuls für alle Teilnehmenden und fordern konkret auf, den herrschenden Spielregeln entschlossen entgegenzutreten.

Von Magdalena Birkle, Erzbistum Paderborn

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