Dem Menschen ein Gesicht geben

  • Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 - 27.05.2013

Die Sklaverei ist nicht vorbei – Menschenhandel heute bekämpfen“ – unter diesem Leitmotiv trifft sich die Konferenz Weltkirche vom 27. bis 29. Mai 2013 im Bildungshaus der Diözese Würzburg, dem Kloster Himmelspforten, um sich selber das drängenden Problem der modernen Sklaverei erst einmal bewusst zu machen. Vor allem jedoch geht es darum, geeignete Schritte zu Skandalisierung dieses weltweiten Verbrechens am Menschen, meist an wehrlosen Frauen und Kindern, zu tun.

„Bordell Deutschland“ ist der Titel der an diesem Montag erschienenen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Und da haben wir den Skandal – nicht bei den üblichen Verdächtigen in Osteuropa, Afrika, Asien oder Lateinamerika, nein, direkt bei uns, bei mir um die Ecke im ach so biederen Deutschland. Milliarden von Euro, in Europa sind es vermutlich an die 30 Milliarden, werden jährlich mit Formen der Zwangsprostitution von Frauen, Mädchen, Jungen und auch Männern, von Arbeitern am Bau, von Haushaltshilfen, von gedungenen Bettlern umgesetzt.

Pater Clemens Schliermann ist Missionsprokurator der Don Bosco Mission in Bonn. Don Bosco Mission

Hier agiert also mal wieder das organisierte Verbrechen – häufig genug ungeniert, beinahe offen und stillschweigend geduldet – und die Staaten, wenn sie überhaupt das Abkommen von Palermo aus dem Jahr 2003 gegen alle Formen von Menschenhandel ratifiziert haben, verfolgen diese Verbrechen gegen die Menschenwürde nur lax. In manchen Ländern sind sogar – wen wundert‘s – Polizei, Politik, Justiz, ja höchste Kreise der Gesellschaft an diesem blühenden Handel direkt beteiligt.

Dem „Sklaven“ in sein Antlitz schauen

Und der Mensch bleibt – wie immer halt – auf der Strecke. Was mache ich, wenn mir das Problem überhaupt bewusst ist? Ich schaue zu, denn, was kann ich schon tun … ?!

Dem „Sklaven“ ein Gesicht geben, in sein Antlitz schauen, ihm Würde, besser noch, Menschenwürde verleihen, mich mit ihm solidarisieren, ungerechte Strukturen anprangern, mich mit ihnen nicht arrangieren und die Lähmung überwinden, dass ich sowieso nichts ändern kann.

Im Gespräch mit den Tagungsteilnehmern: Irina Gruschewaja (Weißrussland) und Monica Salazar (Mexiko) (v.l.n.r.) weltkirche.katholisch.de

Sehr betroffen habe ich die Berichte der vier Frauen gehört:

  • Marita Ishwaran, Leiterin der National Education Group – Fire, Indien
  • Najla Chahda, Direktorin des Caritas Libanon
  • Irina Gruschewaja, Leiterin des Projektes „Malinowka“, Berlin und Weißrussland
  • Monica Salazar, Leiterin des Colectio contra la Trata de Personas, Mexiko

Diese Dimension des Menschenhandels vor meiner Tür war mir nicht bewusst. Diese ekelige Form sexueller Ausbeutung, die ungenierte Ausübung meist männlicher brutaler Gewalt gegenüber ahnungsloser, unserer Sprache nicht mächtiger, zwangsverschleppter Frauen, Mädchen, Jungen und gar Männer war mir in diesem Ausmaß nicht bekannt. Das Wegschauen des Deutschen Gesetzgebers und der Strafverfolgungsbehörden, die Verschlimmerung der Situation für die betroffenen Frauen durch das Prostitutionsgesetzt, die fast zwangsläufige Abschiebung dieser wehrlosen Opfer, wenn sie sich überhaupt einmal wagen, gegen ihre Zuhälter und Peiniger vor Gericht auszusagen, der mutige Kampf der wenigen Organisationen – meist von Frauen getragen – für diese Schwestern und Brüder, berührende und zugleich beschämende Tatsachen, die mich erst einmal sprachlos machen. „Sehen“, das war der erste Tag unserer Konferenz, „urteilen“ und „handeln“ werden am Dienstag und Mittwoch folgen.

Ich bin gespannt, welche Sprachfähigkeit ich in den nächsten beiden Tagen finden werde und ob es bei den Betroffenen etwas ändert …

Von P. Clemens Schliermann SDB,
Missionsprokurator Don Bosco Mission Bonn

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